Erinnerungen an die «Weber Söhne AG»
03.11.2022 MenzikenDie Kaminfeuergespräche im Falkenstein wurden nach der Sommerpause mit einem Referat von Dieter Weber eröffnet. Weber ist in Menziken aufgewachsen und der Sohn des letzten Firmeninhabers der Zigarren-, Tabak- und Tabakextraktfabrik «Weber Söhne ...
Die Kaminfeuergespräche im Falkenstein wurden nach der Sommerpause mit einem Referat von Dieter Weber eröffnet. Weber ist in Menziken aufgewachsen und der Sohn des letzten Firmeninhabers der Zigarren-, Tabak- und Tabakextraktfabrik «Weber Söhne AG».
Von Annette Heuberger
Heute arbeitet der studierte Jurist als Anwalt und Steuerberater in Zürich. Er hat sich intensiv und mit viel Herzblut der Geschichte der Firma seines Vaters angenommen. 1838 startete Samuel Weber in erster Generation mit einer kleinen Firma. Er produzierte in seinem Wohnhaus Tabakwaren. Daneben war er Bauer und Bandweber. Die Produktion von Tabakwaren entstand eher aus einer Notlage heraus, so hat doch der ganze textile Bereich immer mehr an Gewicht verloren und dabei hatte er eine Familie mit acht Kindern zu ernähren. Deshalb suchte Samuel Weber nach einem neuen Geschäftsmodell. Schon 1846 konnte seine Firma in den Neubau «Neuhaus» zügeln. Dieses Gebäude in der Hasenwacht gilt als erste Tabakfirma im oberen Wynental. Die meisten Tabakfirmen sind aus ehemaligen Gebäuden der Textilindustrie entstanden. Das Neuhaus, wie auch das Wohnhaus der Samuel Weber gibt es immer noch. Dieter Weber macht Führungen, bei denen die wichtigsten Gebäudestationen der Firma Weber Söhne besucht werden können. Fast alle dieser Liegenschaften sind bis heute erhalten geblieben.
Weltgeschichte im Wynental
1850 übergab Samuel Weber seine Firma an fünf Söhne und zwölf Jahre später schrieb man im Wynental Weltgeschichte, denn es fand die sogenannte «Internationalisierung» statt. Man beschaffte sich den Rohtabak aus Übersee, so hatte man schon sehr früh Tabak von hochstehender Qualität zur Verarbeitung. Die Stumpen wurden dann in grossem Masse ins Ausland exportiert, wobei in der Zeit von 1862 bis zirka 1865 monatlich 10 Millionen Stück produziert und verkauft wurden. Eine riesige Menge davon ging in den vom Bürgerkrieg geplagten Norden Amerikas. Der Süden, wo der Tabak angebaut wurde, lieferte dem Norden keine Raucherwaren, da man ja im Krieg mit ihm war. So bezog Nordamerika Stumpen aus Europa. Davon eben grosse Mengen auch aus Menziken.
Erinnerungen wurden wach
Aus der dritten Generation übernahm dann Bertrand Weber, ein brillanter Unternehmer, die Firma und leitete sie äusserst erfolgreich während 70 Jahren. Er gilt als wohl markanteste Person in der Firma Weber Söhne. Unter seiner Ägide wuchs die Firma stetig. Er eröffnete Fabriken in Menziken, Reinach, Rickenbach, Kölliken, Beinwil am See und in Deutschland. Während seiner Wirkungszeit wuchs die Anzahl Mitarbeitender auf bis zu 2000 an. Er verfasste auch einige Werke zur Geschichte der Firma Weber Söhne und zu seinem Werdegang. Ganz speziell an diesem Kaminfeuergespräch war, dass sich eine Bewohnerin sogar noch an Bertrand Weber erinnern konnte und ihn kannte.
Ab 1875 entstand die erste Marke mit einem eigenen Namen. Es war vorher nicht üblich, dass Tabakwaren einen Namen hatten. Das war die «Geburt» der Cigarre «Rio Grande». Da es noch keine Markenregister gab, gab es viele Nachahmer. Erst ab 1900 konnte die Marke «Rio Grande» geschützt werden. Dieses Produkt gibt es auch heute noch im Original und wird durch die Firma Villiger hergestellt, welche die Rechte an der Marke gekauft hat.
Markante Bauten bestehen noch
Aus der Dynastie «Weber Söhne» sind unzählige Liegenschaften in der erhalten geblieben. Die erste Firma, das «Neuhaus», dient heute als Wohnhaus und besticht immer noch durch die markante Bauart. Die Villa «Eintracht» war früher eine Liegenschaft der Textilverarbeitung. Diese Villa wurde zum Wohnsitz der Familie von Bertrand Weber. Er hat von dort aus täglich in der Firma in Rickenbach zum Rechten geschaut, zu Fuss!
Im Zentrum von Menziken konnte die Weber Söhne 1870 expandieren. Sie erwarb die ehemalige Spinnerei «Altau», die später dem Bau der Migros gewichen ist. Beinahe zeitgleich wurde 1871 der Neubau «Grünau» realisiert. Diese Liegenschaft ist viele Jahre später von der Wohnbaugenossenschaft «Stierenberg» gekauft und in altersgerechte Wohnungen umgewandelt worden. Diesem Zwecke dient sie noch heute. Ab 1882 wurde auch in Reinach, in der «Litzi» produziert. Diese Fabrik konnte 1890 gekauft werden. Auf alten Rechnungsunterlagen sind diese Fabriken alle im Briefkopf aufgeführt, was diesen Papieren eine ganz spezielle und edle Note verleiht.
Markante Villen wurden gebaut
Die Expansion an die Orte der Angestellten ging 1921 weiter. Man erstand in Rickenbach eine Liegenschaft und 1929 folgte ein Gebäude in Kölliken. Zeitgleich erwarb die Firma Weber Söhne in Deutschland eine ehemalige Brauerei. Bis zur Veräusserung im Jahre 1965 wurde dort im Tabakbereich produziert. Aber auch in der Schweiz ging die Erweiterung weiter. So fasste man in Beinwil am See, in der ehemaligen Tabakfirma der Theodor Eichenberger & Cie., Fuss. 1951 konnte man in Menziken die ehemalige Strickerei auf der Platte kaufen. Dieses Gebäude ermöglichte den Start der eigentlichen Mechanisierung der Produktion.
Neben den Fabriken hatte die Dynastie der Familie Weber auch einige sehr markante Villen gebaut. So entstand 1865 die Villa «Concordia», 1885 eine Villa im Unterdorf und 1900 die Villa «Mathys». Diese wurde später abgerissen und machte der heutigen Coop Tankstelle Platz. Aber auch der erste Sitz der Bank in Menziken im Unterdorf war bis 1905 im Besitze der Familie Weber. Die meisten dieser aussagekräftigen, gebäulichen Zeitzeugen sind bis heute erhalten geblieben und zeigen uns, was diese Familie im oberen Wynental erschaffen hat.
Werbung mit Stil
Erhalten geblieben sind auch unzählige Plakate, die man zur notwendigen Werbung nutzte. Im Vergleich zu Werbeprodukten der Neuzeit sind dies wahre Kunstwerke. Dieter Weber hat daraus Postkarten herstellen lassen, die etwas ganz Besonderes sind. Die Zeit verging wie im Fluge und man hätte Dieter Weber noch lange zuhören können. Während seinen Ausführungen war sein persönliches Engagement spürbar. Er hat mit Herzblut seine Wurzeln erforscht. Sein grosses Wissen um die Geschichte im Wynental hat alle Anwesenden im Falkenstein sehr beeindruckt.



