«Symptome sind individuell unterschiedlich»
04.04.2024 MenzikenAnlässlich des Vortrags über die neuen Entwicklungen in der Parkinson-Therapie mit Dr. Tobias Piroth, Oberarzt Neurologie KSA Aarau, wurde der grosse Saal im ASANA Spital Menziken regelrecht überrannt. 138 Besucher waren zu zählen, als der Vortrag mit etwas ...
Anlässlich des Vortrags über die neuen Entwicklungen in der Parkinson-Therapie mit Dr. Tobias Piroth, Oberarzt Neurologie KSA Aarau, wurde der grosse Saal im ASANA Spital Menziken regelrecht überrannt. 138 Besucher waren zu zählen, als der Vortrag mit etwas Verspätung startete.
dr. Dr. Piroth zog die Zuhörer sofort in Bann. Mit grosser Sachkompetenz vermittelte er ein grosses Wissen rund um die Erkrankung Morbus Parkinson. Parkinson ist eine chronische Erkrankung des Nervensystems, bei welchem Nervenzellen im Mittelhirn durch eine nachlassende Produktion eines Botenstoffs absterben können. Symptome wie Zittern, Bewegungsarmut oder auch Muskelstarre sind allgemein bekannt. Doch die ganze Krankheit ist sehr viel komplexer. Ebenso können Schlafstörungen, ein verlangsamter Stuhlgang, Nacken- und Lendenwirbelschmerzen Hinweise dazu geben. Parkinson zu diagnostizieren ist oft nicht ganz einfach, erläuterte Dr. Piroth. Parkinson kann sich auch immer wieder etwas anders zeigen. Es gäbe Patienten, die in der Bewegung stark eingeschränkt wären, aber nicht zittern würden. Anderen fällt das Sprechen zunehmend schwerer. Es gibt aber auch Krankheiten, ergänzt Piroth, die hätten nichts mit Parkinson zu tun, obwohl zum Beispiel das Zittern der Hände sich zeigen würde. Eine genaue Diagnose ist deshalb sehr wichtig.Auch um die individuelle Behandlung festzulegen. Leider kann man die Krankheit (noch nicht) heilen, deren Verlauf jedoch verlangsamen. Das Ziel ist, die Lebensqualität möglichst lange zu erhalten. Neue Behandlungsmöglichkeiten zeigen sich diesbezüglich vielversprechend.
Nach dem interessanten Vortrag durfte das Wynentaler Blatt noch Fragen an Dr. Tobias Piroth stellen.
Dr. Piroth, müssen sich Menschen, die – wie im Vortrag angesprochen an Verstopfungen leiden, schlecht schlafen und unter undefinierbaren körperlichen Schmerzen leiden – sich Sorgen machen und sich sofort beim Neurologen melden?
Dr. Tobias Piroth: «Vielen Dank für diese sehr gute Frage! Tatsächlich gibt es eine Reihe von sogenannten «prodromalen» Symptomen, die eine Parkinson-Erkrankung ankündigen können. Hierzu gehören zum Beispiel Verstopfungen in Folge einer trägen Darmtätigkeit oder bestimmte Schlafstörungen. Wir bieten an, dass sich Patienten mit solchen Zeichen bei uns vorstellen können. Nach einer ersten Untersuchung können wir eine Rückmeldung geben und mitteilen, ob sich weitere Zeichen einer sich ankündigen Parkinson-Erkrankung finden. Die meisten der genannten Zeichen sind aber unspezifisch. Verstopfungen kommen z.B. auch bei Menschen vor, die nie einen Parkinson entwickeln. Auch gibt es noch keine Medikamente, die dann den weiteren Verlauf hinauszögern oder abbrechen könnten. Trotzdem sollten Patienten, die aufgrund bestimmter Symptome wahrscheinlich ein hohes Parkinson-Risiko haben, präventiv tätig werden. In diesem Bereich muss die Aufmerksamkeit auch in der Fachwelt intensiviert werden. Patienten, die aufgrund bestimmter «Warnsymptome» wahrscheinlich ein erhöhtes Risiko haben, sollten besonders auf einen gesunden Lebensstil (ausreichend Schlaf, ein ausgewogenes Bewegungsprogramm) achten. Eine spezifische Medikation zum Aufhalten der Erkrankung gibt es aber noch nicht.»
Es gibt ja auch familiär bedingten Parkinson. Wenn die Eltern und Grosseltern bereits an Parkinson erkrankt sind, stehen die Chancen höher, selber an Morbus Parkinson zu erkranken?
Dr. Piroth: «Parkinson ist eine häufige Erkrankung, was dazu führen kann, das mehrere Mitglieder der Familie betroffen sein können. Parkinson Symptome können oft auch durch andere Prozesse (zum Beispiel Schlaganfälle, Medikamente) auftreten. Nicht selten sind mehrere Familienmitglieder betroffen, ohne dass man ein bekanntes Risikogen findet. Es ist auch möglich, dass man das erste Familienmitglied ist, das an einem Parkinson erkrankt, welcher genetisch bedingt ist, z.B. in Folge einer genetischen Veränderung («Mutation») von einer Generation zur nächsten. Schliesslich weisen 4-10% der Parkinson-Patienten eine Veränderung eines Gens (GBA1) auf. Individuen mit dieser Genveränderung erkranken nicht unbedingt, haben aber ein gesteigertes Risiko. Zudem wird der Verlauf der Erkrankung durch die Genvariante beeinflusst.»
Ist es sinnvoll, einen Gentest zu machen, ob man bereits verändertes Erbgut von Geburt an in sich trägt?
Dr. Piroth: «Aktuell gibt es keine generelle Empfehlung zur genetischen Testung. Momentan ist auch noch keine Therapie zugelassen, die auf eine bestimmte genetische Veränderung zugeschnitten wäre. Zudem können Mutationen in mehr als 15 verschiedenen Genen zu einem Parkinson Syndrom führen (mit je nach Mutation oft unterschiedlichen Merkmalen), so dass die Testung technisch aufwendig ist (dem Patientin muss nur Blut abgenommen werden). Schwierig sind auch ethische Aspekte: Wie geht der Patient mit dem Wissen um einen genetischen Hintergrund um? Wenn zum Beispiel das Risiko einer Weitergabe an die eigenen Kinder durch einen Gentest bestätigt wird, belastet das so gewonnene Wissen die ganze . Zukünftig könnte sich das ändern, denn es wird intensiv an Therapien für spezifische genetische Parkinson-Varianten gearbeitet. Sollten diese Therapien kommen, müsste man vielleicht viel mehr testen, um Patienten speziell auf sie zugeschnittene Therapien anzubieten. Wir bieten die Untersuchung eines einzelnen Gens durch unsere Humangenetiker bereits an, wenn es um die Tiefe Hirnstimulation geht: Patienten mit einer Variante des GBA1-Gens haben möglicherweise einen schlechteren Verlauf des Parkinson, wenn sie sich für eine Tiefe Hirnstimulation entscheiden. Patienten haben aber auch weiterhin das Recht auf Nichtwissen.»
Gibt es verschiedene Arten von Parkinson und können auch Kinder bereits daran erkranken?
Dr. Piroth: «Es gibt verschiedene Varianten und Ursachen. Wenn jemand sehr jung, das heisst, vor dem 50., eher 40. Lebensjahr erkrankt, ist das Risiko für eine genetische Ursache höher. Der typische Parkinson-Patient erkrankt eher ab dem 50. bis 60. Lebensjahr. Die Symptome sind individuell sehr unterschiedlich – jeder hat seinen eigenen Parkinson. Auch das Ansprechen auf die aktuell symptomatische Therapie unterscheidet sich. Grosse Unterschiede zwischen den Patienten ergeben sich auch durch die ebenfalls zur Erkrankung gehörenden «nicht-motorischen» Symptome wie Angstsymptome/Depressionen, Störungen der Blasenfunktion, Verstopfungen oder auch der Beeinträchtigung der geistigen Leistungsfähigkeit. Aktuell geht man davon aus, dass der Parkinson auch nicht bei allen Menschen gleich im Körper verläuft, sondern bei einigen anfangs eher das Gehirn betrifft, bei anderen zu Beginn eher im Nervensystem des Verdauungstrakts dominiert (Brain first – Body-first).»
Ist die Demenz bei jeder Parkinsonerkrankung eine Folge von oder gibt es auch Arten, wo eine krankheitsbedingt begleitende Demenz nicht gegeben ist?
Dr. Piroth: «Die Beeinträchtigung des Denkens/der geistigen Leistungsfähigkeit ist unterschiedlich. Übrigens bedeutet Demenz, dass man teilweise oder ganz auf Unterstützung angewiesen ist. Bei manchen bleiben die Probleme auf eine «milde kognitive Störung» begrenzt, das heisst, die Betroffenen haben im Alltag mehr Mühe, bleiben aber selbstständig. Manche Patienten entwickeln aber auch gar keine Probleme der Kognition. Und letztlich kann man auch am Parkinson und gleichzeitig an anderen Erkrankungen des Nervensystems (Durchblutungsstörungen oder Alzheimer-Erkrankung) leiden, so dass nicht immer klar ist, ob die Probleme nur von einem Parkinson kommen.»
Kann man sich irgendwie dagegen schützen, sei es betreffs Ernährung oder mit Sport?
Dr. Piroth: «Präventiv wird, nicht nur in Bezug auf Parkinson, empfohlen, die Gefäss-Risikofaktoren regelmässig zu kontrollieren: Bluthochdruck, Diabetes, Fettstoffwechselstörungen etc. Neuerdings gibt es auch Hinweise, dass auf spezielle Herzrhythmusstörungen (Vorhofflimmern) oder nächtliche Atemaussetzer (Schlafapnoesyndrom) zu achten ist, um die Hirngesundheit zu erhalten und das Risiko für neurodegenerative Erkrankungen wie den Parkinson zu senken. Bestimmte Medikamente zum Beispiel für Blutzucker werden aktuell hinsichtlich ihres Potentials untersucht, das Parkinson-Risiko zu senken. Regelmässiger aerober Ausdauersport, ein moderates Krafttraining und genügend Schlaf (mind. zirka 6 Stunden) sind ebenfalls wichtige Massnahmen.»
Medikamente, welche oft bei Parkinson eingesetzt werden, zielen oft darauf, die Symptome wie Zittern oder Muskelsteifheit zu lindern. Eine Heilung ist nach neuestem Stand weiterhin nicht möglich?
Dr. Piroth: «Leider gibt es noch keine Heilung der Erkrankung, aber es wird intensiv daran geforscht. Einerseits untersucht man bereits zugelassene Medikamente wie bestimmte Antidiabetika hinsichtlich ihres Potentials, den Parkinson zu verlangsamen oder aufzuhalten. Auch spezielle Immuntherapien («Parkinson-Impfungen») und viele andere Ansätze wurden und werden untersucht. Leider sind bereits viele gute Ideen in der klinischen Anwendung gescheitert. Dennoch bin ich optimistisch, dass der Fortschritt der letzten Jahrzehnte, was das Verständnis des Parkinson angeht, neue Therapiemöglichkeiten eröffnen wird. Die Wirksamkeit solcher Therapien nachzuweisen ist aber schwierig und die notwendigen Studien dauern oft lange.»
Interview: Dominique Rubin


