Nichts ist älter als die Zeitung von gestern
25.07.2024 MenzikenDas deutsche Sprichwort meint, dass Zeitungen mit dem Verlust von Aktualität auch ihren Wert verlieren. So eindeutig ist die Lage jedoch nicht. Als vor ein paar Tagen zufällig drei Exemplare des «Wynentaler Blatt» aus den Jahren 1887 bis 1891 in der WB-Redaktion ...
Das deutsche Sprichwort meint, dass Zeitungen mit dem Verlust von Aktualität auch ihren Wert verlieren. So eindeutig ist die Lage jedoch nicht. Als vor ein paar Tagen zufällig drei Exemplare des «Wynentaler Blatt» aus den Jahren 1887 bis 1891 in der WB-Redaktion auftauchten, erregten diese jedenfalls grosses Interesse.
rms. Augenfällig die Gemeinsamkeiten, welche die vergangenen gut 130 Jahre überdauert haben, so beispielsweise der Titel, der sich fast nur im heute weggefallenen H des «Wynenthaler Blatt» unterscheidet. Und auch heute noch findet der Preis der Zeitung – damals das Jahresabo für 5 Franken, was heute fast dem Einzelpreis je Nummer entspricht – auf der Frontseite ihren Platz.
Traurige Poesie auf der Frontseite
Das waren noch Zeiten. Der erste Artikel jeder Ausgabe war jeweils ein mehr oder weniger langes Gedicht. Die Zeitung vom 9. Februar1887 beinhaltet ein 20-zeiliges Gedicht, das mit den folgenden Zeilen beginnt: «Die Totenglocken klingen vom Thurme dumpf herab, und auf dem Friedhof draussen gräbt man ein frisches Grab.» Unterhaltung sieht heute etwas weniger düster aus, aber sie durfte schon damals nicht fehlen.
Viel spannender jedoch sind die offensichtlichen Unterschiede. So war damals die gesamte Ausgabe in Frakturschrift, der alten Deutschen Schrift, gedruckt. Etwas, das die jüngeren Semester kaum mehr zu lesen imstande sind. Bilder, heute in praktisch jedem Medium selbstverständlich, fehlten damals ganz. Diese kamen erst Anfang des 20. Jahrhunderts nach und nach in die Zeitung. Die damalige Ausgabe umfasste gerade mal vier Seiten.
Cigarrenmacher gesucht
In den Kleinanzeigen finden sich Hinweise auf eine Holzsteigerung in Ermensee, mehrere Tanzveranstaltungen oder das «Concert verbunden mit theatralischer Aufführung» des Männerchors Fahrwangen. Ein Bauer aus Zezwil sucht einen Knaben im Alter von 15-17 Jahren «zur Aushülfe der Landwirtschaft». Ein K. Kern beschreibt eine stattliche Anzahl seiner Leiden aller Art und wie ihn ein Arzt aus Glarus in kurzer Zeit vollständig befreite. Schliesslich sind Wohnungen «zu vermiethen» oder «zum verpachten» und mehrere Stellen als «Cigarrenmacher» zu besetzen.
Säumige Zahler auf die «Ehrentafel»
Schon sehr seltsam mutet in den Augen heutiger Zeitgenossen folgende Kleinanzeige an: «Wer mit der Bezahlung von Abonnementsgeldern vom vorigen Jahr noch im Rückstande ist, wird hiermit zum letzten Mal zur Einlösung der betreffenden Zeddel aufgefordert. Die Säumigen würden bei Ausserachtlassung dieser wiederholten und letzten Mahnung als Abonnenten gestrichen und auf die Ehrentafel gebracht. Exped. d. Wynenth. Blatt» Manche Gewerbetreibende der heutigen Zeit würden sich wohl wünschen, sie könnten ihre zahlungsfaulen Kunden auch auf einer solchen «Ehrentafel» verewigen. Dazu muss man wissen, dass es so etwas wie einen Zahlungsverkehr in der Schweiz erst ab 1906 mit der Einführung des Postcheck- und Girodienstes der Post gab.
Je älter desto interessanter
Wie war das? Nichts ist älter als die Zeitung von gestern? Das mag kurzfristig wohl stimmen. Mit zunehmendem Alter wird eine Zeitung aber – vor allem für jene, die sich ein bisschen für unsere Historie interessieren – wieder unheimlich spannend.



