Schreckliche Bilder aus dem Kopf bringen
22.05.2025 ReinachGabriela Obrist ist eidg. dipl. Kunsttherapeutin und hilft ihren Patienten, beim Verarbeiten von Emotionen und Ängsten. Bei der Arbeit mit einem aus der Ukraine geflohenen Buben erkennt sie rasch seine erlittenen Traumata. Die Therapeutin möchte kriegstraumatisierten Kindern und ...
Gabriela Obrist ist eidg. dipl. Kunsttherapeutin und hilft ihren Patienten, beim Verarbeiten von Emotionen und Ängsten. Bei der Arbeit mit einem aus der Ukraine geflohenen Buben erkennt sie rasch seine erlittenen Traumata. Die Therapeutin möchte kriegstraumatisierten Kindern und Jugendlichen helfen, die schrecklichen Bilder aus dem Kopf zu bringen, doch es fehlt an der Finanzierung.
rms. «Ich war schockiert, als ich seine Bilder sah», erzählt die Reinacher Kunsttherapeutin Gabriela Obrist beim Gespräch mit dem Wynentaler Blatt. Sie zeigt ein Bild, das ihr achtjähriger Patient vor Kurzem gemalt hat. Es sieht so gar nicht aus, wie man sich gemeinhin eine Zeichnung eines Achtjährigen vorstellt. Keine grüne Wiese, kein Häuschen mit rotem Dach, kein blauer Himmel und kein Sünneli. Stattdessen Panzer, Helikopter, Flugzeuge, die eine Serie von Bomben abwerfen und Gebäude aus deren Dächern Flammen lodern. Dazu immer wieder dick gepanzerte Menschenfiguren. «Dieses Sujet wiederholt sich. Immer und immer wieder.» Obrist nimmt einen ganzen Stapel Zeichnungen aus der Mappe, die alle diesen bedrohlichen und schwer bewaffneten Soldaten zeigen. «Was muss in einem Kind vorgehen, das solche Bilder im Kopf hat? Was hat es erlebt?»
Kunsttherapie zeigt Wirkung
Die gezeigten Zeichnungen stammen von Denis*. Seine Mutter Kristina* ist mit ihm vor zwei Jahren aus der Ukraine in die Schweiz geflohen. Denisˇ Vater zog in den Krieg, seither fehlt jede Spur von ihm. Kristina weiss nicht, ob er noch lebt. «Mein Sohn möchte in den Malkurs kommen,» sagte Kristina bei einem ersten Telefonanruf. Man verständigte sich auf eine Therapiestunde pro Woche. Gabriela Obrist reservierte sich die Termine und sagte zu.
«Es hat ein Weilchen gedauert, bis Denis anfing zu zeichnen. Erst zögerlich, doch mit der Zeit löste sich seine Blockade. Je mehr er zeichnete, umso mehr wurde mir bewusst, wie traumatisiert er war. Wenn er zeichnet, spricht Denis nicht. Auch dann nicht, wenn sein russischer Freund Sascha* mitkommt und beide wortlos am Tisch sitzen und malen. Ich merke, dass es Denis guttut, dass er jeweils erleichtert ist, wenn er nach einer Therapiestunde nach Hause geht.»
Keine Übernahme durch die Grundversicherung
Kunsttherapie hilft, indem sie einen nonverbalen Ausdruck ermöglicht, der schwer in Worte zu fassen ist. Sie unterstützt die Verarbeitung von Emotionen, Ängsten und Traumata, indem sie ein kreatives Ventil bietet, um Gefühle zu äussern und zu verarbeiten. Unbehandelte Traumata können zu posttraumatischen Belastungsstörungen führen, die früher oder später erhebliche psychische Störungen auslösen können. «Für Denis ist die Therapie sehr hilfreich», ist Gabriela Obrist überzeugt. «Sie stabilisiert ihn und gibt ihm ein Gefühl von Sicherheit.» Doch die Sache hat einen Haken. Die Therapie wird von der Krankenkasse nur mit Zusatzversicherung übernommen, und eine solche hat Denis nicht. «Als ich Denisˇ Mutter die erste Rechnung präsentierte, sagte sie mir, sie hätte geglaubt, dass ihre Versicherung die Stunden bezahlen würde», sagt die eidg. dipl. Kunsttherapeutin (Fachrichtung Malen und Gestalten). Ich würde dem Buben so gerne helfen. Gratis zu arbeiten kann ich mir aber nicht leisten.»
«Ich möchte vielen Kriegstraumatisierten helfen»
So hat Obrist jetzt verschiedene Stiftungen und Institutionen um finanzielle Unterstützung angeschrieben. «Ich liebe meine Arbeit und möchte Denis und wenn möglich noch vielen weiteren kriegstraumatisierten Kindern und Jugendlichen helfen. Alles, was ins «Aussen» transformiert werden kann, hilft der Verarbeitung, drückt nicht mehr in der gleichen Intensität auf die jungen Seelen dieser Kinder.» Auf ihrer Website farbenderseele.ch hat sie für ihr Projekt einen eigenen Bereich onlinegestellt.
*Namen geändert und der Redaktion bekannt. Die Beteiligten haben die Veröffentlichung der Bilder genehmigt.




