«Ich staunte, als ich als Weltmeister ausgerufen wurde»
31.08.2023 MenzikenAn der Liegerad-WM im österreichischen Lustenau, den so genannten «Human Powered Vehicle World Championships», gewinnt der Menziker Christoph Rindlisbacher mit seinem vollverschalten Liegerad die Goldmedaille in der Gesamtwertung und Bronze in einer der ...
An der Liegerad-WM im österreichischen Lustenau, den so genannten «Human Powered Vehicle World Championships», gewinnt der Menziker Christoph Rindlisbacher mit seinem vollverschalten Liegerad die Goldmedaille in der Gesamtwertung und Bronze in einer der Einzelwertungen.
rc. Der Start in das abschliessende und entscheidende 100-Kilometer-Rennen gelang dem Menziker dabei überhaupt nicht. In der Aufwärmrunde holte er sich einen Platten und startete erst drei Minuten nach allen anderen Teilnehmern ins Rennen. «Ich hatte mich eigentlich schon damit abgefunden, nicht mehr zu starten», erinnert sich Rindlisbacher an den Moment, als der Countdown zum Start längst lief und eines der drei Räder seines Liegevelos schlapp machte. «Weil der Marathon auf einem Rundkurs ausgetragen wird, musste ich unbedingt in der gleichen Runde bleiben, um nicht hoffnungslos zurückzubleiben, doch es blieben nur wenige Minuten, um etwas zu flicken. Doch in diesem Moment eilten Kollegen herbei, die mir beim Wechseln des Schlauches halfen.»
Aufgeben kam für den 39-Jährigen nun nicht mehr in Frage. Das war eine gute Entscheidung, denn nach dieser Aufregung legte der Menziker das Rennen seines Lebens hin. Nicht nur gelang es ihm, die über 100 Konkurrenten einzuholen, er überflügelte auch den Leader rund 20 Kilometer vor Schluss und holte bis ins Ziel einen Vorsprung von über zweieinhalb Minuten heraus, bei einemStundenschnitt von 55 km/h.
Ein Velo für alle Fälle
Christoph Rindlisbacher fährt seit je her Velo. Ein Auto besitzt er nicht, selbst längere Strecken bewältigt er mit einem seiner Fahrräder. «Früher bin ich mehrheitlich Mountainbike gefahren und habe hin und wieder auch ganz gute Resultate erzielt», erinnert sich der gelernte Geomatiker, der den Sport immer als Amateur und nebenberuflich praktiziert hat. «Länger von der Arbeit fern bleibe ich nur, wenn ich auf Reisen gehe.» Der längste Trip habe ihn dabei während 10 Monaten und 25’000 Kilometern bis nach Südkorea gebracht. «Eigentlich wollte ich ja bis Japan kommen», scherzt er. Reicht da der Stauraum für all die Sachen, die man zum Reisen braucht? «Es ist erstaunlich, was man mit einem Velo alles mitführen kann. Für lange Reisen nutze ich ein unverschaltes Liegerad mit Gepäckträgern, dieses baue ich entsprechend um», verrät Rindlisbacher. «Aber auch im vollverschalten Liegerad kann man gut reisen. Kürzlich habe ich damit eine zweiwöchige Städterundreise von München über Wien, Budapest, Triest und Mailand gemacht.» Ausserdem brauche er die beiden Räder, um zur Arbeit nach Unterkulm zu fahren und um Besorgungen zu erledigen.» Kurz gesagt: immer.
Der WM-Titel als Überraschung
Zurück zur Weltmeisterschaft in Lustenau. Regeln gibt es für die verschiedenen Rennen nur wenige. Motoren jeder Art sind verboten, ausserdem dürfen keine gefährliche Teile aus dem Fahrzeug ragen. «Und man muss einen Helm tragen», ergänzt Rindlisbacher, denn in der Ebene werden Geschwindigkeiten von über 80 km/h erreicht. «Für die Rennen nehme ich jeweils Optimierungen für Aerodynamik oder Gewicht vor, zum Beispiel bringe ich eine Abdeckung für die Räder an.» Während der Fahrt verfügen die Fahrer über keine weiteren technischen Hilfsmittel. «Man weiss nie genau, wie viel Vorsprung oder Rückstand man hat, es gibt auch keine Funksprüche oder Anzeigetafeln.» Zwar kann Rindlisbacher Daten wie Trittfrequenz und Puls mittels einer App analysieren, das sei für ihn aber mehr eine Spielerei. «Die Technik kann helfen, sich ein Rennen kräftemässig anders einzuteilen, aber vieles hat man eigentlich im Gefühl.»
Eine Herausforderung beim 100-Kilometer-Rundkurs sind die Kurven, in denen man auf 20 km/h verlangsamt und danach wieder bis auf 70 km/h beschleunigen muss. Dem gewonnenen 100 Kilometer langen Marathon gingen weitere Rennen voraus, darunter ein Bergrennen und Sprints über unterschiedliche Distanzen. In diesen Rennen bewegte sich Rindlisbacher in den vorderen Positionen, ohne aber eines davon zu gewinnen, respektive holte er sich nach der Unterscheidung von nicht verschalten, teilverschalten und vollverschalten Liegeräder eine zusätzliche Bronze-Medaille in der Kategorie der vollverschalten Räder. Die etwas komplizierte Zählweise für die Gesamtwertung liess den Menziker erst viel später staunen und jubeln: «Ich war an der Siegerehrung ehrlich gesagt überrascht, dass ich als Weltmeister ausgerufen wurde», lacht er. «Als ich später die Zeiten genauer analysiert habe, zeigte sich, dass der Vorsprung im Marathon durchaus entscheidend war, um Weltmeister zu werden.» Er sei im Gegensatz zu anderen Teilnehmern wohl ein Liegerad gefahren, das in allen Disziplinen Vorteile hat. Andere Fahrer spezialisieren sich auf Bergetappen, wieder andere auf die Sprints. «Die Konfiguration meines Fahrzeuges für die unterschiedlichen Disziplinen haben sich offenbar als richtig erwiesen», zieht der Athlet Bilanz. Neben der sportlichen Herausforderung sei aber vor allem der Kontakt zu anderen Sportlern spannend, die alle begeistert von ihrer Sportart sind. «Wie es der Name ‹Human Powered Vehicle› sagt, geht es bei der Sportart darum, sich mit der eigenen Muskelkraft fortzubewegen. Das fasziniert mich sehr», schwärmt der Menziker, der sich gerne in der Natur aufhält.
Randsportart mit Zukunft
Ob er seinen Titel im nächsten Jahr verteidigen will, weiss der 39-Jährige noch nicht. «Die WM 2024 findet in England statt und daher ist die Anfahrt mit dem Velo länger als nach Lustenau.» Wie in diesem Jahr möchte er mit dem Liegerad (via Fähre) bis zum Betteshanger Country Park im Südosten der Insel fahren. Zwei Faktoren sprechen für eine Teilnahme: Seine Fitness ist dank dem täglichen Pendeln zwischen Menziken und Unterkulm («mit Umwegen») ausgezeichnet und sein Arbeitgeber bietet ihm die Flexibilität, die er für sein Hobby braucht. «Ich bin sehr dankbar, diese schöne Sportart betreiben zu können und es wäre cool, wenn sich mehr Menschen für das Liegerad interessieren würden. Auch als Weltmeister gebe er gerne Auskunft. Eine interessante Anlaufstelle ist der Verein «Future Bike CH» (www.futurebike. ch), dem Rindlisbacher ebenfalls angehört. Dass das Liegerad in einer sich stetig wandelnden Mobilität eine Alternative sein kann, beweist Christoph Rindlisbacher mit dem Titelgewinn, im Alltag und auf seinen Reisen. Die nächste Ferienreise führt ihn übrigens nach Kärnten, über die Dolomiten, durch das Südtirol bis in die Lombardei. «Aber mit dem Gravelbike», also einem gewöhnlichen Velo «und mit leichter Ausrüstung».


