Fehlstart
Das neue Jahr war gerade mal 1 1/2 Stunden alt, als in einer Bar in Crans-Montana die Feuerkatastrophe ihren Lauf nahm. Traurige Bilanz: 40 Tote, über 100 Verletzte, viele davon schweben weiter in Lebensgefahr. «Schlimmer kann ein Jahr nicht beginnen!», hört man schon viele sagen. Aber ist 2026 nun wirklich so ein besch…eidenes Jahr?
Vielleicht ist das die falsche Frage. Vielleicht geht es weniger darum, ein Jahr nach seinen ersten Minuten zu beurteilen, als danach, was wir daraus machen. Ein Feuer in einer Bar ist kein Omen, kein Zeichen, kein Fingerzeig des Schicksals. Es ist eine Tragödie. Punkt. Eine, die sprachlos macht, die wütend macht, die traurig und fassungslos macht – und die vor allem Respekt verlangt gegenüber den Menschen, die ihr Leben verloren haben, gegenüber jenen, die jetzt um ihr Leben kämpfen und jenen, die gerettet oder betreut haben und diese schlimmen Bilder irgendwie verarbeiten müssen.
Doch genau diese Pietät verbietet auch vorschnelle Urteile. Jahre sind keine Wesen mit Charakter, keine Lausbuben oder Bösewichte. Sie sind Gefässe. Wir füllen sie – mit Zufällen, mit Entscheidungen, mit Hoffnung und manchmal auch mit Pech. Dass das Jahr 2026 brutal begonnen hat, steht ausser Frage. Dass es deshalb ein «Scheiss-Jahr» bleiben muss, nicht.
Jeder Mensch verdient eine zweite Chance. Warum nicht auch ein Jahr? Die erste Szene war grauenvoll, ja. Aber sie ist nicht das ganze Drehbuch. Noch sind viele Seiten leer, noch ist nichts entschieden. Und vor uns liegen – nüchtern gerechnet – 357 Tage. 357 Möglichkeiten für Mitgefühl statt Gleichgültigkeit. Für kleine Gesten, die niemand sieht, aber viel bewirken. Für Begegnungen, die bleiben. Für Tage, an denen nichts Spektakuläres passiert – und genau das ein Geschenk ist.
Vielleicht ist Optimismus in solchen Momenten kein naiver Reflex, sondern eine Form von Trotz. Ein leiser, anständiger Trotz gegen die Idee, dass das Schlechte automatisch gewinnt. 2026 schuldet uns nichts. Aber wir schulden uns selbst, es nicht nach anderthalb Stunden abzuschreiben. In diesem Sinne wünsche ich uns allen − trotz allem − ein glückliches neues Jahr.
Roland Marti

Neuen Kommentar schreiben