Das Buch ist tot – lang lebe das Buch

Mo, 21. Aug. 2017
Sie falten und zerschneiden Bücher ganz ohne schlechtes Gewissen. – Nina und Dominik Dössegger schenken Büchern in der Wynabuchhandlung ein zweites Leben. (Bilder: EP.)

In ihrer Buchhandlung in Reinach falten sie Bücher zu Kunstwerken. Hat das gedruckte Buch zum Lesen ausgedient? Taugt es nur noch zu Dekorationszwecken? – «Ganz und gar nicht», sagen Nina und Dominik Dössegger und falten in der Wynabuchhandlung munter weiter.

Von Evelyn Pesentheiner

Bücher sind mit Sorgfalt zu behandeln. Anders als bei Banknoten verstossen Knicke in Buchseiten ernsthaft gegen den Knigge und zerfledderte Exemplare sind bestenfalls bei viel gelobten alten Nachschlagewerken akzeptiert. Eselsohren gehen gar nicht, sind verpönt. Ganz anders bei Nina und Dominik Dössegger. Die jungen Inhaber der Wynabuchhandlung in Reinach falten und zerschneiden Bücher ganz bewusst und ohne schlechtes Gewissen.

Nur noch zum Basteln gut?

«Orimoto» nennt sich die Kunst, mit der die Wynabuchhändler Eselsohr um Eselsohr dem Buch ein anders, neues Leben einhauchen. Und plötzlich schaut eine Eule aus dem aufgefächerten Buch, ein Schmetterling entpuppt sich, oder das Wort «lesen» schält sich wie von Zauberhand aus den Buchseiten, die zu lesen im geknickten Zustand nun freilich schwierig wäre. Ist dies der Höhepunkt des vielbeklagten Büchersterbens? Ist das gedruckte Buch nur noch zum Basteln gut? «Nein, natürlich nicht.Wie könnte ich da Buchhändlerin sein», pariert Nina Dössegger die provokante Frage und schon halten die beiden Jungunternehmer ein flammendes Plädoyer für Gutenbergs Erbe. Sie glauben an die Zukunft der Texte zwischen zwei Buchdeckeln und stellen ein Revival des gedruckten Buches fest. Es gebe einen spürbaren Gegentrend zum «e-Reader », vor allem bei jüngeren Leuten. Die Buchhändler müssen es ja wissen.

«Kinderbücher kann man ohnehin nicht durch Elektronik ersetzen.»
Dominik Dössegger, Buchhändler

Wer liebt schon einen e-Reader?

«Bücher sind etwas sehr Persönliches », sagt Dominik Dössegger, «In einem Buch kannst du blättern und eine Beziehung dazu aufbauen.» In der Tat, in den Einband eines Buches kann man sich verlieben. Mit Büchern lassen sich Regale füllen, was zwar Platz braucht, aber eben auch ein Statement ist: «Schau her, das lese ich.» Titel und Bild auf dem Cover erwecken Aufmerksamkeit. Ein Buch, das auf dem Couchtisch liegt, regt Gespräche an und animiert Freunde, dieses ebenfalls zu lesen. Ein e-Reader ist unsympathisch weil unpersönlich. Er transportiert keine Botschaft. «Aha, du hast einen e-Reader?» – diese Feststellung ist einmal gemacht, das war’s. Der Mensch liebt das Sammeln und Präsentieren. Gäbe es nur noch e- Reader, er würde sich blaue, rote, gelbe ins Regal stellen. Wenn nicht für jedes Buch, so doch wenigstens für jeden Schriftsteller ein Gerät, fein säuberlich mit Dymo-Labels oder bei schöner Handschrift mit Edding-Filzschreiber beschriftet. «Junge Eltern leben ihren Kindern bewusst das Lesen gedruckter Bücher vor», sagen Nina und Dominik Dössegger, «weg vom Digitalen, hin zum Papier ». Kinderbücher seien ohnehin nicht durch Elektronik zu ersetzen, auch wenn es einzelne digitale Ausgaben gebe. Dennoch bietet die Wynabuchhandlung, seit der Übernahme durch ihre jungen Besitzer vor rund zweieinhalb Jahren, auch e-Books an. Ist das nicht ein Widerspruch, sozusagen ein Wildern im eigenen Jagdgebiet? «Nein», sagt Dominik Dössegger, «der Markt lässt beides zu.» Es gebe durchaus Bereiche, in denen ein e-Reader sinnvoll sei. Etwa auf Reisen, wenn das Gepäck klein bleiben soll. Die jungen Buchhändler sehen die Zukunft in einem guten Nebeneinander der beiden Angebote.

«Vielleicht sind wir tatsächlich etwas verrückt gewesen»
Nina Dössegger, Buchhändlerin

Das Buch ist also noch lange nicht tot

Allen Unkenrufen zum Trotz, gelesen wird immer noch. – Sogar wieder mehr, wagen Nina und Dominik Dössegger aufgrund ihrer Erfahrungen zu behaupten,und wenn sie als jungeVorbilder dazu etwas beitragen können, macht sie das stolz. Wie aber steht es um die Buchhandlungen? In der Stadt mag es ja noch gehen, aber auf dem Land? Muss man verrückt sein, um angesichts bekannter Internet-Riesen in der heutigen Zeit eine kleine Dorfbuchhandlung zu übernehmen? «Es ist in der heutigen Zeit sicher nicht das, was einem spontan empfohlen wird. Vielleicht sind wir tatsächlich etwas verrückt gewesen», lacht Nina Dössegger. Auch Dominik Dössegger meint, vielleicht müsse man ein bisschen so sein, um so etwas zu machen. Aber im Oberwynental funktioniere die Lädelikultur noch.

Lassen Sie sich einbuchten

Nach gründlichem Budgetieren und ein paar durchwachten Nächten seien sie jedenfalls überzeugt gewesen, dass sie es schaffen können. Was in dreissig Jahren sein wird, danach fragen die jungen Unternehmer nicht. «Veränderungen sind okay. Solange man davon leben kann, machen wir es.» Und mit den kreativen Ideen, die Dösseggers und ihr Team haben, ist es für die Kundschaft auch interessant, den Weg zur Wynabuchhandlung unter die Füsse zu nehmen. Die Kafi-Ecke lädt zum Verweilen ein und wer sich «einbuchten » lässt, kann auch mal einen ganzen Abend lesend mit Freunden in der Buchhandlung verbringen.

Nachgeschlagen: 
Orimoto - Sind Eselsohren nicht Frevel?

Wie steht es eigentlich um die Eselsohren? Was mit gefalteten Buch-Engeln für die weihnächtliche Schaufensterdekoration begonnen hat, ist in der Wynabuchhandlung inzwischen zu einem weiteren kleinen Geschäftszweig geworden: Wünsche werden wenn möglich erfüllt, anders als Gesichtsfalten entstehen die faltigen Bücherkunstwerke allerdings nicht über Nacht. Doch ist das nicht Frevel? Darf man Bücher falten und zerschneiden? Dürfen Buchhändler das? «Sicher», sagt Nina Dössegger, «wir verschwenden ja keine Bücher, sondern verwenden alte, die sonst weggeworfen würden.» Für Leseproben, also Bücher, die nur Auszüge aus Texten enthalten, ist es sogar eine Aufwertung. Niemand würde ihnen sonst einen dauerhaften Platz im Bücherregal zugestehen. «Orimoto», ergänzt Dominik Dössegger, «ist eine Kunstrichtung, eine schöne Art des Recyclings und einer von vielen Wegen, die ein Buch gehen kann.»

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