«Ich breche zu neuen Ufern auf»

Do, 23. Jun. 2022
Franz Fischlin moderiert heute seine letzte Tagesschau: «Wie ich beim Abschied reagieren werde, weiss ich allerdings noch nicht. Vielleicht bleibe ich cool, vielleicht übermannt es mich.» (Bild: zVg.)

Sportlich gekleidet, mit einem Lächeln im Gesicht, begrüsst mich Franz Fischlin, der geschätzte und bekannte Tagesschau-Moderator beim Schloss Hallwil. Mit wohlklingender Stimme berichtet er von seinem bevorstehenden Abschied beim Schweizer Fernsehen, seiner erfahrungsreichen Arbeit an der Newsfront und seinem grossen Engagement für den Journalismus.

Heute Abend moderieren Sie zum letzten Mal das Nachrichtenflaggschiff, die Hauptausgabe der Tagesschau des Schweizer Fernsehens. Kommt schon etwas Wehmut auf?

Ja, sicher. Wie ich beim Abschied reagieren werde, weiss ich allerdings noch nicht. Vielleicht bleibe ich cool, vielleicht übermannt es mich. Aber so oder so: Es steht mir ein spannender und emotionaler Moment bevor.

Wie wird der Schluss der letzten Sendung ablaufen?

Bis fast zum Schluss wird die Hauptausgabe der Tagesschau wie gewohnt ablaufen. Entscheidend sind für mich auch bei meiner letzten Sendung die News des Tages. Nicht im Mittelpunkt zu stehen, sondern als Vermittler der Nachrichten aufzutreten, ist seit jeher meine Philosophie. Geplant ist am Schluss ein kurzer Rückblick auf meine Zeit bei SRF, den meine Redaktionskolleginnen und -kollegen zur Verabschiedung zusammengestellt haben. Die Ansage dazu wird wohl Bigna Silberschmidt, 10vor10-Moderatorin, übernehmen. Und dann werde ich noch kurz ein paar Worte ans Publikum richten.

Weshalb entschieden Sie sich, Ihren Traumjob aufzugeben und das Schweizer Fernsehen zu verlassen?

Dem Entscheid ging ein längerer Prozess voraus. Einerseits hat mich die Arbeit beim Schweizer Fernsehen immer sehr erfüllt, wofür ich dankbar bin, andererseits wollte ich bewusst loslassen. Um bereit zu sein für neue Aufgaben, neue Chancen. Und das ist nach meiner Rücktrittsankündigung auch gleich passiert. Ich erhielt viele Angebote mit spannenden Projekten. Und ich kann nun noch selbstbestimmter meine Zeit einteilen. Mich Beruflichem widmen, aber auch der Familie, die mir sehr wichtig ist.

Nach Ihrer Rücktrittsankündigung wurden Sie von all den Reaktionen überwältigt. Welche haben Sie besonders berührt?

Dass so viele Menschen meinen Rücktritt bedauerten und auch das Bedürfnis hatten, mir dies mitzuteilen, mit dem hätte ich nicht gerechnet, denn es ist alles andere als selbstverständlich. Eine Wertschätzung, die mich enorm freut. Dass ich dem Publikum gerade auch in Krisenzeiten mit meinen Moderationen offenbar einen gewissen Halt vermitteln konnte, wurde mir eigentlich erst jetzt durch die vielen Reaktionen so richtig bewusst.

Was heisst es für Sie, als «SRF-Urgestein» nach 18 Jahren das Moderations- und Reporterteam der Tagesschau-Hauptausgabe zu verlassen?

Ich lasse einen wichtigen beruflichen Lebensabschnitt hinter mir, in dem ich keinen Tag missen möchte. Es war ein Traumjob und ein Privileg, die Hauptausgabe der Tagesschau, eine Institution mit hohem Stellenwert, zu moderieren. Es freut mich sehr, dass nun mit Michael Rauchenstein ein versierter und akribisch arbeitender Journalist folgt.

Mit grosser Kompetenz, Lebenserfahrung und Glaubwürdigkeit informieren Sie die Öffentlichkeit. Worauf legten Sie bis zuletzt einen besonderen Fokus bei Ihrer Newsarbeit?

Fakten- und Sachkenntnisse und eine ausgewogene, wertneutrale Nachrichtenvermittlung. Nicht ich als Moderator gebe die Meinung vor. Die Meinungsbildung muss beim Publikum stattfinden. Nur so kann die Tagesschau ihre hohe Reputation wahren. Mit dieser Rolle konnte ich mich auch immer zu 100 Prozent identifizieren.

Erinnern Sie sich noch an Ihre erste Moderation der Tagesschau-Hauptausgabe am 13. Februar 2004?

(schmunzelt) Ich bin in die grossen Fussstapfen meines Vorgängers Charles Clerc getreten. Er war eine Fernsehlegende und so moderierte ich mit einer gewissen Anspannung meine erste Sendung. Zum Glück gelang sie ohne grosse Versprecher.

Welche News-Ereignisse sind Ihnen seit damals besonders in Erinnerung geblieben?

Da gab es einige: die Folgen von 9/11, die Finanzkrise, der Arabische Frühling und natürlich besonders in den letzten zweieinhalb Jahren die Coronakrise mitsamt Shutdown und dem heutigen Krieg in der Ukraine.

Gibt es eine News-Sendung, die Sie geprägt hat, für Sie Vorbild war?

Nein, ich wollte mich möglichst nicht an anderen orientieren. Ich finde es wichtig, dass man sich selbst bleibt. Man hat seine Stärken und Schwächen und das darf die Zuschauerin, der Zuschauer auch spüren.An der Schweizer Journalistenschule «MAZ» habe ich als Dozent diesen Grundsatz auch meinen Schülerinnen und Schülern zu vermitteln versucht. Steht zu euch, seid authentisch.

Wie hat sich die Aufbereitung der enormen Nachrichtenflut in den letzten zwei Jahrzehnten beim Schweizer Fernsehen verändert?

Die Fülle an Nachrichten war noch nie so gross und auch die Geschwindigkeit, mit der sie tagtäglich rund um die Uhr vermittelt werden. Das Publikum wartet nicht auf die Hauptausgabe der Tagesschau um 19.30 Uhr. Morgens um sechs Uhr beim Aufstehen informieren sich die Menschen schon via Handy. Die digitalen Medien und Technologien gewinnen immer mehr an Einfluss. Ich finde das faszinierend. So habe ich auch mitgeholfen, den Social Media Kanal SRF News (@srfnews) bei «Tik Tok» aufzubauen. Es gilt aber auch Fake News zu verifizieren. Deshalb spielt die klassische Nachrichtensendung mit ihren fundierten Einschätzungen eine sehr wichtige Rolle in dieser Nachrichtenflut.

Welche Lebenserfahrungen konnten Sie in den insgesamt 22 Jahren beim SRF sammeln?

Die Ruhe zu bewahren, wenn die Welt um einem rum verrückt zu spielen scheint. Eilmeldungen, auch während der Live-Sendung, brachten mich nicht mehr aus dem Konzept. Und wenn ich zurückschaue, hat mir die permanente Offenheit gegenüber verschiedensten Themen und Menschen, neuen Medien und technologischen Entwicklungen im Leben viel gebracht.

Was ist für Sie Qualitätsjournalismus?

Je grösser die Quantität, desto wichtiger ist die Qualität. Und in Zeiten von Fake News erst recht. Dass sich viele Menschen von den traditionellen Medien abwenden, bereitet mir Sorgen. Denn wer sich vornehmlich in sogenannten Bubbles, in medialen Echokammern bewegt, dem fehlt der Zugang zu unabhängigen Informationen, zu anderen Ansichten, die es für die Meinungsbildung in einer Demokratie braucht, um Volksentscheide zu fällen. Den Qualitätsjournalismus mit fundierten und faktentreuen Recherchen gibt es zwar nach wie vor. Aber ihm gilt es Sorge zu tragen und wir Medienschaffende müssen vorab auch der jüngeren Generation aufzeigen und erklären, warum Journalismus wichtig ist.

Wie kann die Medienkompetenz gefördert werden?

Indem vermehrt Brücken zur jungen Generation geschlagen werden. Man muss jungen Menschen interessante und relevante Inhalte dort liefern, wo sie sind. Sei es auf «Instragram» oder «Tik Tok». «rec.» von SRF beispielsweise bietet auf «Youtube» längere Formate an mit Themen, die für Gesprächsstoff sorgen und Emotionen wecken. Eine Mischung, die jungen Leuten gefällt.

Hat das Sendegefäss «Medienclub» Ihre Erwartungen erfüllt?

Ja, die Sendung war eine Herzensangelegenheit von mir. Ich habe sie aufgegeben, da ich aus familiären Gründen mein Pensum reduzierte. Meine Frau (Susanne Wille) hat als Leiterin der Abteilung Kultur und als Mitglied der Geschäftsleitung bei SRF einen sehr anspruchsvollen Job. In den fünf «Medienclub»-Jahren gab es viele interessante Diskussionen. Zunehmend schwieriger wurde es aber, Journalistinnen und Journalisten zu finden, die ihre Arbeit selbstkritisch hinterfragten. Das fand ich schade.

2011 erhielten Sie den renommierten Fernsehpreis als «Schweizer Fernsehstar des Jahres». Was bedeutet Ihnen im Nachhinein diese Auszeichnung?

Viel. Bis dahin waren ausschliesslich Moderatorinnen und Moderatoren der Unterhaltung und des Sports ausgezeichnet worden. Nun stand zum ersten Mal die Information im Scheinwerferlicht. Als Star bezeichnet zu werden, war mir peinlich, TV-Journalist hätte mir mehr entsprochen (lacht). Die Auszeichnung habe ich bei der Preisverleihung auch meinen Kolleginnen und Kollegen des ganzen Nachrichtenteams gewidmet.

Weshalb mieden Sie in all den Jahren zusammen mit Ihrer Frau Susanne Wille konsequent rote Teppiche?

Der Starrummel war und ist nicht unsere Welt. Wir stehen als Journalisten lieber beobachtend neben dem Teppich und haben eine kritische Distanz.

Ganz wichtig sind Träume, die man nicht verliert», äusserten Sie vor sechs Jahren im «Wynentaler Blatt». Welche Träume warten jetzt darauf, erfüllt zu werden?

Privat möchte ich noch etwas mehr Zeit haben für meine Familie. Auch mal eine längere Reise machen können. In den letzten zwanzig Jahren waren berufsbedingt drei Wochen Abwesenheit am Stück das höchste der Gefühle. Zudem möchte ich mich noch mehr für die Medienkompetenz der Jugendlichen engagieren. Im Zusammenhang mit der Jugendmedienwoche «YouNews», die ich mitlanciert habe, sind interessante Projekte am Anrollen.

Zunächst gilt der Fokus Ihrer Familie mit drei schulpflichtigen Kindern. «Gleichberechtigung heisst für Sie auch, selber zu handeln.» Wie ist das zu verstehen?

Ich habe mit meinem Rücktritt bewusst ein Zeichen gesetzt. Möchte meiner Frau noch mehr den Rücken stärken. Es gibt in der Schweiz zu wenig weibliche Führungskräfte. Und wenn ich die Gelegenheit habe, so eine Spitzenkraft zu unterstützen, dann mache ich das und packe an, wo ich kann. Etwa im Familienalltag mit Einkaufen, Kochen, Waschen usw.

Wie halten Sie es mit dem Medienkonsum Ihrer Kinder?

Die beiden älteren Kinder (14/16) haben ihr eigenes Mobiltelefon. Damit organisieren sie ihr Leben punkto Schule und Freizeit und informieren sich auch. Wir Eltern unterhalten uns mit ihnen darüber, was sie auf Social Media-Plattformen zu sehen kriegen. Und machen sie auf unsichere oder auch unseriöse Quellen aufmerksam. Versuchen sie zum Konsumieren eines interessanten Zeitungsartikels oder Fernseh-Beitrags zu animieren. Eine Vielfalt von Inhalten – sowohl aus der neuen, als auch der alten Medienwelt – ist für alle ein Vorteil.

Über die Jahre sind Sie zu einer «Institution in den Schweizer Wohnstuben» geworden. Welche Gedanken möchten Sie bei Ihrem Abschied den Menschen mit auf den Weg geben?

Ich möchte mich von Herzen bedanken beim Publikum, von dem ich mich über all die Jahre getragen fühlte. Dass ich nun nicht mehr vor der Kamera stehen und somit sozusagen unsichtbar werde, empfinde ich nicht als Verlust. Jeder ist ersetzbar. Was bleibt, ist mein Engagement für den Journalismus. Und da wünsche ich mir, dass die Menschen den Qualitätsmedien, so auch SRF mit der Tagesschau und anderen Sendungen, treu bleiben.

Herzlichen Dank für das Gespräch. Sie werden uns fehlen.

Interview: René Fuchs


Zur Person

Franz Fischlin

Franz Fischlin (59) ist in Solothurn aufgewachsen. Nach dem Gymnasium bildete er sich zum Fotografen aus. Anschliessend studierte er Journalistik und Kommunikationswissenschaften an der Universität Freiburg. Seit 2000 ist er beim Schweizer Fernsehen tätig. Anfänglich als Moderator und Redaktor des «Mittags-Magazins» und ab 2002 bei der Tagesschau. Seit Februar 2004 moderiert er die Hauptausgabe der Nachrichtensendung. Er ist Co-Präsident des Vereins «Qualität im Journalismus». Fischlin ist mit Susanne Wille, Leiterin der Abteilung Kultur beim Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) und Mitglied der Geschäftsleitung, verheiratet und hat mit ihr zwei Söhne und eine Tochter. Aus früherer Ehe hat er zwei erwachsene Töchter.

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