Auch einem geschenkten Gaul schaut er ins Maul
17.07.2025 Seetal, Beinwil am SeeGründlich auf jedes Tier einzugehen, ist Dr. med. vet. Simon Hauri im vielfältigen und anspruchsvollen Berufsalltag in seiner Tierarztpraxis für Pferde und Kleintiere wichtig. WB-Mitarbeiter René Fuchs blickte ihm an einem Vormittag bei seinen Pferdebehandlungen ...
Gründlich auf jedes Tier einzugehen, ist Dr. med. vet. Simon Hauri im vielfältigen und anspruchsvollen Berufsalltag in seiner Tierarztpraxis für Pferde und Kleintiere wichtig. WB-Mitarbeiter René Fuchs blickte ihm an einem Vormittag bei seinen Pferdebehandlungen über seine Schultern.
08.30 Uhr: Mit gespitzten Ohren steht «Fire», ein 18-jähiger Westfalen-Wallach, vor dem mit allerlei Gerätschaften ausgestatteten Behandlungsraum. Was wird auf ihn zukommen? Die Streicheleinheiten seiner Besitzerin beruhigen ihn. Doch kein Geräusch entgeht ihm. Für Fluchttiere wie Pferde ist das in der Natur überlebenswichtig. Eine gewisse Unsicherheit ist «Fire» anzusehen. Merkt er, dass die jährliche Zahnbehandlung bevorsteht? Nach einer Beruhigungsspritze lässt er sich willig von Tierarzt Simon Hauri und seiner Tiermedizinischen Praxisassistentin Annalena Kern in den Zwangsstand führen. Auch zu seiner Sicherheit, denn sein aufgewecktes Temperament weicht nun einer zunehmenden Schläfrigkeit. Mit den nötigen Aufhaltehilfen wird sein müder Kopf hochgehalten. Ein Maulgatter wird eingesetzt, um einen optimalen Zugang zum Pferdegebiss zu erhalten. Somit bleibt das Maul während der Zahnbehandlung, je nach Einstellung, mehr oder weniger geöffnet.
René Fuchs
«Auch bei Pferden ist die Zahnpflege sehr wichtig», sagt Tierarzt Simon Hauri. «Denn die Kauflächen der oberen und unteren Backenzähne treffen nicht genau aufeinander. Der Unterkiefer ist wesentlich schmäler als der Oberkiefer. Nur etwa ein Drittel der Kaufläche trifft bei geschlossenem Maul aufeinander.» Somit sei die Abnutzung der Zähne oft nicht gleichmässig. Hervorstehende Kanten an den Innenseiten der unteren Zähne und an der Aussenseite der oberen Zähne seien nicht selten. «Sie können so scharf sein, dass sie zu Verletzungen an der Zunge und den Backen führen», erklärt der erfahrene Tiermediziner. «Auch können die Schneidezähne so lange werden, dass die Backenzähne nicht mehr richtig schliessen.»
Das Pferdegebiss besteht aus je sechs Schneidezähnen und je zwölf Backenzähnen im Ober- und Unterkiefer. Hengste und rund die Hälfte der Stuten haben oben und unten zusätzlich noch je zwei Haken- oder Hengstzähne. Sie dienen bei Wildpferden oft als Kampfzähne. Gegnern können damit erhebliche Verletzungen, insbesondere an den Beinen, zugefügt werden. Vor den Backenzähnen können auch Wolfszähne, urzeitliche Backenzähne, wachsen, die für die Kaumechanik nutzlos sind. Aber oft wegen aufkommenden Schmerzen entfernt werden müssen, wenn das Pferd mit Gebiss geritten oder gefahren wird.
Die Pferdezähne werden bis zu einem Alter von 15 Jahren kontinuierlich nachgeschoben. Damit wird der Abrieb der bis zu zehn Zentimeter langen Zähne, der jährlich zwei bis drei Millimeter beträgt, ausgeglichen. Doch woher stammt die Redewendung: «Einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul»? Je älter ein Tier ist, umso abgenutzter sind seine Zähne. Bei jungen Pferden sind sie oval, bei alten zunehmend dreieckig. Zahnprobleme ohne Behandlung häufen sich: Sie reichen vom langsamen Fressen, Gewichtsverlust bis zu unverdauten Körnern im Kot. Sodass die Bauernregel « Magere Pferde, fette Spatzen» zum Zug kommt.
«Fire» lässt die heilsame Prozedur ohne Widerstand über sich ergehen. Sein Maul wird mit Wasser durchgespült. Mit einer Kopflampe leuchtet der Tierarzt bis zum Rachen hinein. Da und dort gilt es mit einer elektrischen Raspelscheibe Kanten und Spitzen von Zähnen abzufeilen. Die eingebaute Wasserkühlung im Gerät beugt gegen eine Hitzeentwicklung vor. Auch abgelagerter Zahnstein wird entfernt. Die Schlussspülung folgt. «Fire» ist erlöst und bald darauf steht er wieder aufgeweckter in seinem Stall.
In der elterlichen Tierarztpraxis
Simon Hauri ist Fachtierarzt Pferde mit grosser Leidenschaft und mannigfacher Erfahrung. Ab 2007 war er in der Tierarztpraxis seiner Mutter Magdalena Hauri tätig. Seit 2018 führt er die Praxis mit einem zehnköpfigen Team auf dem Rupphübel für Pferde und Kleintiere weiter.
Obwohl ihm der Berufsberater vorschlug, seinen beruflichen Werdegang in der Informatik oder dem Maschinenbau zu starten, entschied er sich für die Tiermedizin. Zu stark hatten ihn die vielfältigen und spannenden Eindrücke, die er in seiner Kindheit und Jugendzeit in der elterlichen Tierarztpraxis gesammelt hatte, geprägt. Pferde gehörten immer zu seinen Lieblingen und es gab nichts Schöneres, als auszureiten. Nach dem Studium von 1997 – 2002 in Zürich verbrachte er weitere fünf Jahre in Stuttgart an einer Pferdeklinik. «Damals gab es noch keine Arbeitszeiterfassung», lacht Hauri. «Anfänglich waren zwölfstündige Arbeitstage bei einem Monatslohn von 1500 Euro üblich». Als Schweizer Tierarzt auf Achse fühlte er sich dort als Exot. Unter dem dreissigköpfigen Team war er neben seinem Chef der einzige Mann. Nach und nach spezialisierte er sich auch für die Szintigrafie, eine nuklearmedizinische Untersuchung, um das Innenleben erkrankter Pferde mit radioaktiv markierten Substanzen besser erforschen zu können.
Mannigfache Erfahrungen sammelte er. Sei es bei Notfällen, wo es um Leben oder Tod ging, oder bei einem angehenden Springpferd, bei dem ein Röntgenbild für enttäuschte Gesichter sorgte. Die seltene anatomische Variante eines Strahlbeins, das zweigeteilt war, liess den Verkaufspreis des Tieres ins Bodenlose sinken. Das Tier wurde krankgeschrieben, obwohl es kerngesund war. Unvergesslich bleibt ihm in Stuttgart der Tod eines Pferdes, das nach einer verabreichten Spritze mit einer äusserst seltenen Überempfindlichkeitsreaktion des Immunsystems reagierte.
Freud und Leid
Oft sind auch die Erwartungshaltungen von Tierhaltenden sehr gross. Innert kürzester Zeit sollte das Familienmitglied auf vier Pfoten behandelt werden. Gute Menschenkenntnisse, Mitgefühl und auch die nötige Distanz gehören zum Alltag eines Tierarztes. Umso schöner sind die Momente, wenn ein Eingriff, eine Behandlung dem Tier Linderung bringt und gar eine Heilung möglich wird. Sich das Familienglück in den Gesichtern widerspiegelt und das Leben wieder seinen gewohnten Lauf nehmen kann.Aber auch, wenn in würdiger Form in der Praxis von einem liebgewonnenen Haustier Abschied genommen werden muss. Freud und Leid sind, wie an diesem Vormittag in der Kleintierpraxis, oft nahe beieinander.
«Sich mit dem Wesen der Pferde auseinanderzusetzen, ist das A und O in der Pferdehaltung», hält Tierarzt Hauri klar fest. So auch, als ihm «Nordeste», ein achtjähriger Schimmel-Wallach, nach den zwischenzeitlichen Behandlungen von drei Hunden, gezeigt wird. Laut Auskunft leidet er an Husten und aufkommender Schwäche. Auf dem praxiseigenen Reitplatz lässt ihn seine Besitzerin einige Runden galoppieren und traben. Das Headshaking, das sonderbare Kopfschütteln des Pferdes, fällt auf. «Es kann die Auswirkung einer Krankheit oder eine Verhaltensstörung sein», erklärt der Tiermediziner. Seitlich tritt er auf das Pferd zu, begrüsst es mit ruhiger Stimme, streichelt es und vermeidet den direkten Augenkontakt. Mit einem Stethoskop hört er die Herzfrequenz, die Herztöne, die Atemgeräusche und die Lungenfunktion ab.Auch eine Blutentnahme geht reibungslos vonstatten. Eine Endoskopie im Behandlungsraum soll mehr Klarheit schaffen. «Nordeste» wird sediert und in den Zwangsstand geführt. Mittels eines 1,5 Meter langen Endoskops, an dessen Ende sich eine Lichtquelle und Kamera befinden, ergeben sich aufschlussreiche Blicke in die Atemwege. Eingeführt wird es über den Nasengang auch in den Luftsack. Mit der blasenförmigen Erweiterung der Ohrtrompete ist er eine Besonderheit des Pferdes. Durch diese Verbindung zwischen Ohr und Rachen verlaufen viele wichtige Nerven und Gefässe. Sekretansammlungen werden an verschiedenen Punkten in der Luftröhre für die spätere Laboruntersuchung entnommen. Das Pferd zeigt kaum Reaktionen. Die leichte Sedation wirkt. Die Pferdehalterin wird von Emotionen gepackt. Nur kurz verfolgt sie die Endoskopie auf dem Bildschirm. Doch bald ist die Untersuchung vorbei. Die Erlösung ist der Reiterin anzusehen. Ob es Pferdeasthma ist, wird sich erst noch weisen. «Nordeste» trottet dagegen, als wenn nichts geschehen wäre, vom geöffneten Zwangsstand zurück in den nahen Stall. Einmal mehr läutet das Telefon. Der Tiermediziner wird um Rat und einen Termin gebeten. Bereits ist es 12.30 Uhr…
«Ich schätze meine abwechslungsreiche Arbeit. Mensch und Tier beistehen zu können, erfüllt mich», sagt Simon Hauri mit einem Lachen auf dem Gesicht. Seine pflichtbewusste, charmante und offene Art kommt an.





