Wenn Dorfgeschichte wieder lebendig wird
22.01.2026 UnterkulmDie Oberkulmer Veranstaltungsreihe «Weisch no …?» scheint einen Nerv zu treffen: Auch der dritte Anlass am Samstagabend hat die Menschen in Scharen aus ihren Häusern gelockt. Ein Beweis dafür, dass Dorfgeschichte spannender sein kann als ein Fernsehabend. ...
Die Oberkulmer Veranstaltungsreihe «Weisch no …?» scheint einen Nerv zu treffen: Auch der dritte Anlass am Samstagabend hat die Menschen in Scharen aus ihren Häusern gelockt. Ein Beweis dafür, dass Dorfgeschichte spannender sein kann als ein Fernsehabend.
Die Dorf- und Kulturkommission Oberkulm hat zum dritten Mal in Folge zum beliebten Anlass «Weisch no…?» in die Aula der Wynenschulanlage eingeladen. Mit deutlich über 250 Besuchenden waren es heuer nochmals mehr als in den Vorjahren, und so mussten kurzerhand noch zusätzliche Stühle aufgestellt werden. Die Oberkulmerinnen und Oberkulmer wollten sich die Fortsetzung der «Weisch no»- Anlässe offensichtlich nicht entgehen lassen und (noch) mehr über ihre Dorfgeschichte erfahren.
Kein Wunder, denn die beiden Ur-Oberkulmer und «Weisch no…?»- Chronisten Max Haller, (85-jährig), und Fritz Burkhard, (91), verstanden es, mit ihrem vielseitigen Bild- und Filmmaterial, aber auch mit ihren lebhaften Schilderungen zu begeistern. Die beiden Ehrenbürger sind in Oberkulm aufgewachsen und haben ihr ganzes Leben im Dorf verbracht, das sie denn auch wie ihre eigene Westentasche kennen.
«Ich bin erstaunt, dass so viele Leute gekommen sind», freute sich Max Haller. «Das gibt mir Mut und Kraft, weiterzumachen.»
Die Sache mit dem Sex-Salon
Haller wusste auch eine lustige Anekdote zu erzählen, die das Publikum zum Schmunzeln brachte: Als Ende der 80er-Jahre im ehemaligen Hallenbad bei den Reihenhäusern ein Sex-Salon betrieben wurde, hätten die Anwohnerinnen und Anwohner sowie der Gemeinderat keine Freude gehabt. Einer dieser verärgerten Anwohner habe dann die Autonummer eines Besuchers notiert und dank dem Autoindex seinen Namen herausgefunden – und der nichtsahnenden Gattin erzählt, wo ihr Mann die Mittagszeit verbringe: «Ihr Mann geht ins Puff, statt auswärts Mittag zu essen.»
Die Gemeinde habe damals, so erinnert sich der ehemalige Gemeindeammann Haller, die Prostitution verbieten wollen, weil sie gegen gute Sitten verstosse und sich das betreffende Gebäude inmitten einer Reihenhaussiedlung befinde. Seitens des Kantons habe es aber geheissen, dass das älteste Gewerbe ein Grundrecht der Gewerbefreiheit sei. Später sei der umstrittene Gebäudekomplex dann in Wohnungen umgebaut worden.
Früher war vieles anders, aber nicht nur besser
Fritz Burkhard, auch als Künstler bekannt, illustrierte mit seinen Zeichnungen während fast drei Jahrzehnten jeweils die Front- oder Rückseite der Oberkulmer Info-Broschüren «Wer, Wie, Was?». Er zeigte alte Schulfotos von Anfang des 20. Jahrhunderts, als ein Lehrer noch 50 Mädchen und Buben unterrichtete. Es sei gang und gäbe gewesen, so der mittlerweile 91-Jährige, dass die Kinder im Sommer barfuss zur Schule marschiert seien und im Winter in «Holzböden».
Laut Burkard hat beim Heuen «Tante Emmi» jeweils Zuckerwasser mit Kirsch angeboten, auch den Kindern. Früher gab es auch noch sehr strenge Winter mit viel Schnee und Minustemperaturen. Als «Heiri», ein allseits bekannter Knecht, mit dem Güllewagen durchs Dorf gefahren sei, habe es vom Güllenwagen getropft und statt Eiszäpfen habe es dann «Gerstenstängel» gegeben, berichtet Fritz Burkhard schmunzelnd.
Auch beim Film über das Jugendfest von 1975 konnte das Publikum in Erinnerungen schwelgen. Das grosse Rätselraten mit dem Sitznachbarn begann, und jeder schaute genau hin, ob er oder sie eventuell jemanden erkennt oder sogar sich selber entdeckt.
Ob es auch eine vierte Ausgabe von «Weisch no…?», geben wird, steht noch nicht fest. Das wird wohl nicht zuletzt auch von der Gesundheit der beiden Chronisten abhängen.
Kathrin Aerni

