Ohrwurm
Es ist Montagmorgen, als ich beim Arzt im Wartezimmer sitze. Die Tür geht auf und die Assistentin ruft mich: «Herr Marti, bitte. Der Doktor erwartet Sie im Sprechzimmer.»
Als regelmässiger «Kunde» kennen wir uns schon seit einigen Jahren und pflegen einen freundschaftlich respektvollen Umgangston.
«Herr Doktor, ich habe einen Ohrwurm.»
«Hmmm, das geht mir auch so. Immer wenn mir ein Patient sagt, er bekomme nur schwer Luft, kommt mir Helene Fischers ‹Atemlos› in den Sinn», schmunzelt der Mediziner.
«Nein, nicht so einer. Ich meine so einen lästigen, surrenden Ton.»
«Ach so, Sie meinen einen Tinnitus?» «Keine Ahnung − ich kann kein Latein. Es ist einfach ein lästiges Geräusch, das plötzlich da ist, und dann ist es wieder weg.»
«Ich verstehe. Das heisst, Sie hören dieses Geräusch nicht permanent? Wann hat denn das angefangen?»
«Vor etwa drei Wochen ist es mir erstmals aufgefallen. Und seither immer wieder.»
«Mehrmals am Tag?»
«Ja, manchmal im Abstand von wenigen Minuten!»
«Hörten Sie das Geräusch auf beiden Seiten oder nur in einem Ohr?»
«Ich glaube, es ist in beiden Ohren.» «Waren Sie in letzter Zeit an einem Konzert? Oder hat es in Ihrer Umgebung laut geknallt?»
«Weder noch, Herr Doktor. Ich war nicht an der Fasnacht, wenn Sie das meinen.»
«Ich versuche herauszufinden, was die Ursache für Ihren Tinnitus ist. Hatten Sie übermässigen Stress?»
«Kann ich nicht behaupten, ich hatte Ferien und war die ganze Zeit zuhause.»
«So? Was haben Sie denn gemacht?» «Ich gebs zu: Ich war auf dem Sofa und hab stundenlang Olympia geschaut. Aber das ist doch nicht schädlich, oder? Könnte das tatsächlich der Auslöser für meinen ... Tinnitus sein?»
«Kommt drauf an. Welche Sportarten haben Sie denn geschaut?»
«Unsere Ski-Helden natürlich, Skicross, die ganzen Freestyle-Sportarten, aber auch Skispringen, Bob, Rodeln und Skeleton ... was schauen Sie mich jetzt so an?»
Der Arzt sitzt an seinen Computer und tippt etwas auf seiner Tastatur. Ich frage: «Wissen Sie jetzt, was es ist? Verschreiben Sie mir ein Medikament?»
«Nein, ich habe nur gegoogelt, wann die Paralympics stattfinden. Ich rate Ihnen, vom 6. bis 15. März den Ton abzustellen, wenn Sie fernsehen. Denn dann werden in Italien wieder die Drohnen dröhnen.»
Roland Marti

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