Melioration in Birrwil

Fr, 02. Jun. 2017
Martin (links) und Max Härri vor einem Feld in der «Widmi», das in sechs schmale Parzellen aufgeteilt ist. Ebenso sind jene sechs Eigentümer für den Unterhalt des Feldweges zuständig – das soll durch die Melioration vereinfacht werden. (Bild: Remo Conoci)

An der ausserordentlichen Gemeindeversammlung vom nächsten Freitag, 9. Juni soll ein Meliorationsverfahren beschlossen werden, bei dem in der Gemeinde die Landwirtschaftszone aufgeräumt und nicht zuletzt aufgewertet werden soll.

 

Das einzige Geschäft an der ausserordentlichen Einwohnergemeindeversammlung löst bereits im Titel Erklärungsnot aus: «Moderne Melioration». Das zweite Wort stammt aus dem Lateinischen, bedeutet «Besserung» und findet in der Schweiz Anwendung, wenn es um die Restrukturierung ländlicher Räume geht. Nachdem die Gmeind 2013 für die Vorprüfung einen Verpflichtungskredit genehmigt hatte, liegt nun der Entwurf der Flury Planer+Ingenieure AG vor. Darauf ersichtlich sind mögliche bauliche Massnahmen anWegnetz, Bächen und Entwässerungen sowie allfällige landwirtschaftliche Siedlungsstandorte.

Parzellenstruktur wie zu Gotthelfszeiten
Birrwil hat rund 200 Hektaren Landwirtschaftsland, durch die historisch begründete Aufteilung der Grundstücke, entstanden in den letzten Jahrhunderten 1270 Parzellen, welche im Besitz von 600 Eigentümern sind. «Das ist ein Generationenprojekt » sagt Martin Härri und tippt mit dem Finger auf eine Karte, auf der sämtliche Parzellen der Gemeinde eingetragen sind. Der gewählte Gemeinderat Max Härri – mit Martin nicht verwandt – legt nach: «Viele davon sind schmale Streifen, kaum 80 Meter lang und 20 Meter breit. Die beiden Härris sind Begleitkommissionsmitglieder und unterstützen die Melioration, denn Bauern wie sie müssen heute einige Kilometer zurücklegen, um all ihre gepachteten Landstücke bewirtschaften zu können: «In den nächsten 10 bis 15 Jahren sollen die vielen kleinen Parzellen durch Landabtausch zu grösseren Parzellen zusammengefügt werden. Bachläufe wie der Bergbach können dank der Melioration gepflegt werden, Feld- und Wiesenwege ausserhalb der Bauzone sollen reprofiliert oder neu gebaut werden, denn durchgehende Flurwege kommen auch dem Naherholungsbedarf der Bevölkerung entgegen.

Es gibt keine Willkür
Das klingt erst mal alles gut und recht. Kritische Stimmen sagen, bei einem Ja zur Melioration gäbe man der zu gründenden «Bodenverbesserungsgenossenchaft » freie Hand für Willkür – und ein gleich grosses Stück Land auf dem Homberg sei nicht das gleiche wie unten am See. Dem entgegnen Martin und Max Härri mit Argumenten: «Geplant ist, dass eine externe, unabhängige Person, für die Verhandlungen zuständig sein wird», unterstreicht Max Härri. Das bedeutet: Wer welches Land mit wem tauschen soll, wird nicht von oben herab befohlen, sondern ist Verhandlungssache. «Mit der Melioration haben die Landbesitzer viel Mitbestimmung und es wird Hand für eine zeitgemässe und zugleich koordinierte Lösung geboten», ergänzt Martin Härri und zeigt am Beispiel Feldwege, dass seiner Ansicht nach nur Vorteile entstehen: «Durch die Melioration ist klar, wer für den Unterhalt zuständig ist und die Dienstbarkeiten werden neu geregelt.»

Wer zahlt mit?
Ein weiterer Punkt, der an der ausserordentlichenVersammlung Fragen aufwerfen wird, sind die Kosten. Die Melioration verschlingt insgesamt 5,7 Millionen Franken. Davon übernehmen Bund und Kanton je einen Drittel; der Gemeindeanteil beträgt 24 Prozent. Auch die Grundeigentümer müssten in die Tasche greifen: 6 Prozent, oder 370’000 Franken solls kosten. «Wer von der Melioration profitiert bezahlt mehr, wer wenig davon hat, bezahlt weniger. Im Durchschnitt werden es etwa 16 Franken pro Are Land sein und werden über 10 Jahre verteilt», erklärt Max Härri, der in Sachen Finanzen auf zwei andere Faktoren verweist: «Erstens ist es eine Aufwertung der Zone und die Landwirte sparen Kosten. Und ohne Melioration müssen gewisse Arbeiten trotzdem in Angriff genommen werden, etwa die Instandstellung des Wegnetzes, die Hochwasserproblematik und der Grundwasserschutz. Bei einem Nein fallen die Beiträge von Bund und Kanton weg und auf die Gemeinde kommen doppelt so hohe Kosten zu.» Bis die Moderne Melioration abgeschlossen ist, wird noch vielWasser den Chreienlochbach hinab rauschen. Ob das Projekt überhaupt angegangen wird, beschliesst die ausserordentliche Gemeindeversammlung am Freitag, 9. Juni um 20 Uhr in der Mehrzweckhalle. Der Gemeinderat beantragt die Zustimmung.

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