«Stille und Zeit zum Nachdenken sind für mich wahrer Luxus»
04.09.2018 RegionCornelia Bösch, die bekannte Tagesschau-Moderatorin und Journalistin ist eben von einer News-Sitzung zurück und jetzt nehmen wir in einer ruhigen Nische vor den Redaktionsräumen im Studio Leutschenbach Platz. Im Interview mit WB-Mitarbeiter René Fuchs erzählt sie ...
Cornelia Bösch, die bekannte Tagesschau-Moderatorin und Journalistin ist eben von einer News-Sitzung zurück und jetzt nehmen wir in einer ruhigen Nische vor den Redaktionsräumen im Studio Leutschenbach Platz. Im Interview mit WB-Mitarbeiter René Fuchs erzählt sie frohgemut von ihrem Werdegang und der faszinierenden und abwechslungsreichen Arbeit an der Newsfront.
Sie sind in der Stadt Zürich aufgewachsen. Was hat Sie in der Kinderund Jugendzeit am meisten geprägt?
Vor allem meine Familie und die Umgebung, ein Wohnquartier mit vielen denkmalgeschützten Häusern. Zudem war ich leidenschaftliche Eisprinzessin. So stand ich vier Mal in der Woche mehrere Stunden auf der Eisbahn. Auch meine Mutter war oft mit ihren Freundinnen am Schlittschuhlaufen. Für mich waren es intensive Jahre und mit meiner Mutter zusammen auf der Eisbahn Heuried zu sein, war eine sehr glückliche Zeit.
Waren Sie schon als Teenager am Weltgeschehen interessiert?
Ich bin in einer politisch interessierten Familie aufgewachsen. Mein Vater hat auf Quartier- und Stadtebene politisiert, war Parteimitglied, und so wurde mir in die Wiege gelegt, dass man seine Bürgerrechte und Pflichten wahrnimmt. Aber auch die Möglichkeit ergreift, etwas zu gestalten. Das Weltgeschehen interessierte mich nach und nach erst im Teenageralter. Bei uns zuhause wurde viel diskutiert, Radio gehört und mehrere Tageszeiten waren abonniert.
Weshalb wählten Sie die Medienwelt zu Ihrem Berufsumfeld?
Das Gefühl, mich unbedingt mit der Sprache, dem Ausdruck zu beschäftigen, verstärkte sich sehr, als ich per Zufall in einem Jugendlager mit Lagersender weilte. Nur Musik abzuspielen reichte mir nicht, nein, ich wollte den Jugendlichen von Lagererlebnissen, Begegnungen und Zukunftsplänen berichten. So wurde ich zuerst «rasende Reporterin» und später Journalistin.
Wie erhielten Sie den Redaktorinnenjob beim Radio Zürichsee, sprich dem «Seesender», einem der ersten Privatradios der Schweiz?
(schmunzelt) Es gab viele Umwege! So wirkte ich nach dem Lagerradio bei einem Schulsender mit eigenen Reportagen mit. Später lernte ich beim Radio des Universitätsspitals Zürich das Schneiden von Beiträgen auf der Bandmaschine und Sendungen zu moderieren. Nun war ich mir beruflich sicher, Redaktorin bei einem Radiosender zu werden. So bewarb ich mich beim «Radio Zürichsee» und erhielt die tolle Gelegenheit, eine Probesendung zusammen mit einem Fachmann aufzunehmen. Darauf erhielt ich zu meiner Freude den erhofften Job!
Danach wechselten Sie zum Privatsender «Radio Z» und anschliessend zu «DRS 1». Brauchten Sie eine neue Herausforderung, treu nach Ihrem Motto: «In meinem Leben ist immer sehr viel los!»?
(lacht) Wenn ich merke, dass die Überraschungen im gewohnten und bewährten Berufsalltag etwas fehlen, gilt es für mich umso mehr, neugierig zu sein. Eine zu starke Routine ist beim Vermitteln von Eindrücken eher nachteilig. Wenn man jung ist, braucht es in regelmässigeren Abständen eine Veränderung, weit mehr als im fortgeschrittenen Berufsleben.
Ab 2004 waren Sie zusätzlich beim Schweizer Fernsehen tätig. Weshalb dieser Wechsel vom Radiostudio vor die Kamera in der Nachtausgabe der Tagesschau?
Ja, das ist wirklich ein fundamentaler Wechsel. Diesen suchte ich gar nicht aktiv, doch als Radioreporterin erhielt ich immer wieder von verschiedensten Leuten den Tipp, es doch auch einmal beim Fernsehen zu probieren. Eines Tages rief mich eine Kollegin, die damals bei der Sendung «10vor10» arbeitete, an und wies mich auf die neue Nachrichtensendung «Tagesschau Nacht» hin. Sie lud mich zu einem Casting ein, das ich zuerst ausschlug, weil damals Radiojournalistin mein Traumberuf war. «Radio was my first love», und ich sah keine Notwendigkeit zu wechseln. Doch wie sie weiter ausführte, würde ja eine Casting-Erfahrung nie schaden. Ich fand es spannend, nahm an einem teil und erhielt gleich den Job.
Worin unterscheiden sich die News-Präsentationen beim Radio und Fernsehen am meisten?
Beim Fernsehen kommt eine grosse dominante Dimension dazu – das Bild! Das ist für mich als frühere Radiojournalistin manchmal bitter, denn beim Fernsehen kann man ohne Fotos oder Filme von vielen guten Geschichten nicht berichten.
Im Sommer 2011 übernahmen Sie die Moderation der Hauptausgabe der Tagesschau. Wie erhielten Sie Ihren Traumjob, obwohl Sie nie eine Karriereplanerin waren?
Per Zufall war ich damals zur richtige Zeit am richtigen Ort. Der Redaktionsleiter entschied, das Moderatorenteam der Tagesschau von vier auf fünf Personen zu vergrössern. Warum man mich im internen Casting ausgewählt hat, weiss ich bis heute nicht genau. Jedenfalls war ich nach der Zusage sehr glücklich.
Warum ist es für Sie ein absoluter Traumjob?
Kein Tag ist wie der andere. Wenn ich morgens um sieben Uhr zuhause die Nachrichten am Radio höre, mache ich mir bereits Gedanken, was abends in der Tagesschau behandelt werden könnte. Aber bereits am Mittag kann die Nachrichtenlage schon wieder ganz anders aussehen. Und wenn ich abends nach der Sendung das Fernsehstudio verlasse, weiss ich zum grössten Teil noch nicht, was newsmässig den nächsten Tag prägen wird.
Wie sieht Ihr Zeitplan an einem Moderationstag der Tagesschau aus?
Das Gerüst ist fast wie in Stein gemeisselt: Zwischen 11 bis 11.30 Uhr treffe ich im Fernsehstudio Leutschenbach ein. Vormittags habe ich bereits Radio gehört und verschiedene Zeitungen gelesen. Zum Teil bin ich auch noch an der Entstehung der Mittagssendung beteiligt. Danach folgt eine kurze Sendungskritik, um auch festzulegen, was abends an Themen noch weiterbehandelt wird. Nach der Mittagspause findet die grosse Redaktionssitzung um 14.30 Uhr mit der Festlegung der Beiträge, der besonderen Schwerpunkte, der Reihenfolge und auch der grafischen Umsetzung in der Hauptausgabe der Tagesschau statt. Anschliessend habe ich etwa eine Stunde Zeit, um die Moderationstexte, in Zusammenarbeit mit den jeweiligen Redaktoren der Beiträge, zu schreiben. Zwischen 16 und 17 Uhr bin ich in der Maske und anschliessend telefoniere ich mit den Korrespondenten, mit denen ich in der Sendung live sprechen werde. Zwischen 17.30 und 19 Uhr beginnt für mich die «Rushhour» und alle meine 15 bis 25 Moderationstexte müssen fertig sein, denn um 18.45 Uhr stehe ich im Studio. Um 19 Uhr folgt eine kurze Liveschaltung als Vorschau auf die Tageschau, dann werfe ich in der Redaktion nochmals einen Blick auf die vom Korrektorat geprüften Texte. Ab 19.10 Uhr stehe ich im Studio, um die ganze Sendung zu proben.
Wie laufen die letzten 5 Minuten vor Sendebeginn ab?
Nur das Allerdringendste wird nochmals geprobt und rund zwei Minuten vor Sendebeginn wird von der Regie der Computer mit allen Beiträgen auf die Startposition gesetzt. Für mich gilt es durchzuatmen und die Konzentration auf den Punkt zu bringen.
Rund 1 Million Menschen schauen die Hauptausgabe der Tagesschau um 19.30 Uhr. Ist da Lampenfieber auch ein Thema?
Nicht im eigentlichen Sinn. Wir Fernsehleute haben kein Problem, wenn man uns bei der Arbeit zuschaut, sonst würden wir ja diesen Beruf nicht ausüben. Sicher gibt es aber Situationen, wo die Anspannung bei technischen Problemen zunimmt.
Mit grosser Kompetenz, Lebenserfahrung und Glaubwürdigkeit informieren Sie die Öffentlichkeit. Erhalten Sie viele Reaktionen?
Eigentlich nicht viele. Ich interpretiere das als gutes Zeichen und meine eher unspektakuläre Art der Informationsvermittlung kommt bei den Zuschauerinnen und Zuschauern gut an.
Wenn es Reaktionen gibt, sind es meistens Mails engagierter ZuschauerInnen, die mich sehr freundlich auf Fehler hinweisen, mich nach mehr Hintergrund fragen oder mir ein schönes Kompliment zukommen lassen.
Häufig müssen auch schlechte und gar schreckliche Nachrichten weitergegeben werden. Wie gehen Sie mit besonders berührenden News um?
Viele Menschen fragen sich dann, wie es mir ergeht, wenn ich solche Nachrichten mitteilen muss. Da ich mich dann oft schon Stunden vorher mit einer schlechten Nachricht auseinandersetze, bin ich nicht mehr ganz so emotional berührt. Es ist aber wichtig, dass eine gewisse Emotionalität bei der Anmoderation der News vorhanden bleibt.
Können Sie nach einem aufwühlenden Newstag zur Ruhe finden?
Ja, eigentlich recht gut. Wenn ich das Fernsehstudio verlasse, ist mein Arbeitstag meistens abgeschlossen. Nach dem Newsalltag kann ich jetzt, nach einigen erfahrungsreichen Dienstjahren, schnell zur Ruhe finden. Im Sommer fahre ich vom Leutschenbach mit meiner Vespa rund 20 Minuten nach Hause, das ist sehr entspannend.
Wie erholen Sie sich?
Ich bin eine leidenschaftliche Gärtnerin. Gerne bin ich auch an der frischen Luft in der Natur, an einem See oder in den Bergen.
Seit über 20 Jahren sind Sie Sängerin in der Soulband «Soul Jam». Wild und lockig, sicher das passende Pendant zur harten Arbeit an der Newsfront?
(strahlt) Ja, dort bin ich unter Freunden, mein Beruf spielt keine Rolle und emotional ist es für mich grossartig.
Das Schweizer Fernsehen steht nicht nur seit der diesjährigen Billag-Abstimmung sehr im öffentlichen Fokus. Ist das mithin ein Grund, dass Sie ein unspektakuläres Privatleben mit Ihrer Familie schätzen?
Die beiden Sachen haben nichts miteinander zu tun. Ich habe es gern unspektakulär in der Öffentlichkeit. Das Grösste für mich ist meine Familie im engsten und erweiterten Kreis. Zurückgezogenheit, Stille und Zeit zum Denken und Reflektieren sind für mich wahrer Luxus.
Welche Fernseharbeit möchten Sie eines Tages als langgehegten Wunsch realisieren?
Es gibt da verschiedene Sachen, die ich mir vorstellen könnte. Im Moment bin ich sehr zufrieden, da ich ja meinen langgehegten Wunsch, Tagesschau-Moderatorin und Journalistin zu sein, realisieren durfte.
Welche wichtigen Erfahrungen und Tipps geben Sie Ihrem Sohn Florian und jungen Leuten im Umgang mit sozialen Medien mit auf den Weg?
Dass man sich selber gut schützt und möglichst nicht im Affekt handelt! Privat stehe ich da sehr auf die Bremse. Man muss sich zuerst ein Bild von den neuen Medien machen können, um zu verstehen, wie sie funktionieren. Mit all den grossen Versuchungen und Verlockungen gilt es, umgehen zu können. Wohl gehören die sozialen Medien zur Zukunft, doch muss mein Sohn zuerst vorbereitet sein, um sich in dieser vernetzten Welt bewegen zu können. Ich denke, in jungen Jahren ist ein konservativer Umgang mit den neuen Medien von Vorteil.
Ferien verbringen Sie gerne in der Natur am Neuenburgersee. Kennen Sie das Seetal mit dem Hallwilersee, die Visitenstube des Aargaus?
Mein Mann wohnte früher einmal dort. Eine sehr schöne Region, in der einige meiner Freunde zuhause sind. Selbstverständlich habe ich schon einige Male im Hallwilersee ein Bad genossen.

