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Do, 14. Mai. 2020

Auszeichnung für einen langjährigen Radiomacher mit Seetaler (Beinwiler) Wurzeln und viel Herzblut für seinen Job: Interview mit Urs Hofstetter, Medienpreisträger 2019 und Redaktionsleiter bei Radio Argovia.

msu. Bereits zum 22. Mal ist der Medienpreis Aargau/Solothurn vergeben worden. In der Sparte Radio ging die Auszeichnung an Urs Hofstetter, Leiter Lokalredaktion bei Radio Argovia. Mit seinem Beitrag «50 Jahre Explosion in der ‹Pulveri›» vermochte er die Jury zu überzeugen. Das tragische Unglück in der Schweizerischen Sprengstofffabrik in Dottikon ereignete sich 1969 und löschte damals 18 Menschenleben aus. Urs Hofstetter ist in aufgewachsen, wo sein Vater Ruedi Hofstetter während vieler Jahre die Apotheke am Löwenplatz führte.


«Radio ist für mich das Lauberhorn-Rennen»

Für seinen Beitrag «50 Jahre Explosion in der ‹Pulveri›» ist Urs Hofstetter in der Sparte Radio mit dem Medienpreis 2019 Aargau/Solothurn ausgezeichnet worden. Das tragische Unglück in der Schweizerischen Sprengstofffabrik in Dottikon ereignete sich 1969 und löschte damals 18 Menschenleben aus. Als Redaktionsleiter von Radio Argovia liebt und lebt er seinen Beruf über alles: «Radio ist mein Medium, zu vergleichen mit dem Lauberhorn-Rennen».

Urs Hofstetter, ganz herzliche Gratulation zum Medienpreis AG/SO in der Sparte Radio. «Ist das Geld bereits verplant?» will Horst Lichter von der TV-Serie «Bares für Rares» jeweils wissen?

Zuerst einmal vielen Dank für den Glückwunsch, lieber Martin Suter. Als letztjähriger Gewinner des Medienpreises für dein «Lebenswerk» weisst du ja bestens, wie gut es sich anfühlt, mit diesem Bsetzistein ausgezeichnet zu werden. Zu deiner Frage: Ja, ich werde mich Ende Mai zur Ruhe setzen und bis an mein Lebensende vom Preisgeld zehren. Nein, im Ernst: Ich habe noch keinen blassen Schimmer, wie ich das viele Geld – immerhin 3000 Stutz – investieren werde. Meine Frau hätte sicher ein paar Ideen, aber ich muss aufpassen, dass ich mich nicht in einem unkonzentrierten Moment «öberschnöre» lasse.

Die Jury hat sich für einen Radio-Beitrag über ein Ereignis entschieden, das 1969 den Aargau erschütterte. Zu jener Zeit warst du ja noch gar nicht auf der Welt?

Stimmt, aber ich habe immer wieder von dieser verheerenden Explosion in der «Pulveri» gehört. Durch meine Grossmutter, die in Dottikon aufgewachsen ist und dort immer viele Leute kannte, oder durch das Personal bei meiner früheren Arbeitgeberin, der Setz Gütertransport AG in Dintikon.

Welches berufliche «Vorleben» hast du damals mitgebracht, als dich der ehemalige Argovia-Chefredaktor Jürgen Sahli in sein Team aufgenommen hat?

Ich war ein halber Quereinsteiger: Nach einer Weltreise 1995/96 wollte ich nicht mehr kaufmännischer Angestellter sein, sondern – ganz nach dem Vorbild meines älteren Bruders – Journi werden. Mit ein paar Matchberichten, die ich als Spieler des FC für den ‹Wynentaler› verfasst hatte, bewarb ich mich erfolgreich für ein Redaktions-Volontariat bei der neugegründeten «Aargauer Zeitung». Schon damals bewarb ich mich bei Radio Argovia, aber Jürgen Sahli sagte: «Wir brauchen Leute mit Erfahrung». Nach drei Monaten war Schluss bei der AZ, und ich durfte als freier Mitarbeiter auf Honorarbasis meine Brötchen verdienen. Das bedeutete: Am Samstagabend das Jahreskonzert der MG Schmiedrued besuchen, während es meine Kumpels an irgend einem Chäferfescht so richtig krachen liessen. Bald durfte ich bei Tele M1 ein Praktikum absolvieren, und als ich mich abermals beim Argovia-Chefredaktor meldete, überzeugte ich ihn offenbar mit den Worten: «Jetzt habe ich Erfahrung». So durfte ich am 4. August 1997 ein Volontariat bei Radio Argovia in Angriff nehmen – und der Rest ist – wie man zu sagen pflegt – Geschichte.

Kannst du dich noch an deinen ersten Beitrag auf Sendung erinnern?

Ja, und zwar ganz genau: Drei Wochen nach meinem Einstieg bei Radio Argovia schickte mich der Chef ganz alleine nach Küttigen, wo Pro Natura im Rahmen eines Pilotprojekts ein Waldstück am Achenberg sich selber überlassen wollte. Nur Bäume, Büsche… und ein paar Ziegen, die sich gemütlich durch das Waldstück frassen. Natürlich wollten die Geissen ausgerechnet für meinen ersten Radiobeitrag keinen einzigen Ton ins Mikrofon meckern. Und weil man damals Geräusche noch nicht locker mal von Youtube herunterladen konnte, gab es halt eine ziemlich trockene Radio-Premiere von Urs Hofstetter.


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Vermutlich gab es nach der Premiere viele Rückmeldungen? Wir gehen mal davon aus, dass Familie, Freunde und Bekannte gebannt vor den Radioempfängern sassen, um dich zu hören?

Du meinst, so wie damals vor 80 Jahren, als das ganze Land heimlich Radio Beromünster hörte? Nein, ich glaube nicht. Oder zumindest nicht während dieses Beitrags. Aber du kannst mir glauben: In meiner doch schon längeren Radiolaufbahn hat es nie an Feedback gemangelt. Im «Bähnli Pub» oder in der «Braui» konnte ich mich kaum je blicken lassen, ohne dass ein Kumpel mich auf einen Versprecher oder Lacher aufmerksam machte, oder mich als Klagemauer wegen «zu schlechter Musik» oder wegen eines nervigen Moderatoren «missbrauchte» (…lacht)

Fühltest du dich in den letzten mehr als 20 Jahren nie zum Fernsehen «hingezogen», oder allenfalls zur schreibenden Zunft, der Presse?

Nein, seit meiner ersten Minute bei Radio Argovia ist Radio «mein» Medium. Zeitungs- und TV-Luft hatte ich ja zuvor wie gesagt auch kurz geschnuppert, und schreiben tu’ ich auch heute noch äusserst gerne. Aber Radio ist und bleibt für mich das Lauberhorn-Rennen, der 100-m-Sprint an Olympischen Spielen, der Wimbledon-Final – die Königsdisziplin!

Für dich scheint das Radiomachen die allergrösste Passion zu sein. Gibt es eine denkbare Alternative zu dieser beruflichen Leidenschaft?

Hmmm… das kann ich mir ehrlich gesagt fast nicht vorstellen. Aber wer weiss: Als 13-Jähriger versprach ich meinen Eltern ja auch, ich würde Profifussballer bei Servette werden und sie dann später finanziell unterstützen. Zum Glück gibt’s die AHV…

Welcher Beitrag von Radio Argovia ging dir in all den Jahren am tiefsten unter die Haut und welche Sendung oder Reportage war die originellste?

Hou… (überlegt lange)… Originell war natürlich die Aktion «Argovia on Air», als jeweils am frühen Morgen irgendwo im Argovialand unser Ballon startete und später irgendwo landete. Und in dieser Zufalls-Gemeinde organisierten die Einwohner bis am Abend die bäumigsten Dorffeste. 9 Jahre lang eine der besten, schönsten und menschen-verbindendsten Aktionen, die der Aargau je erlebt hat. Aber auch «Zwei Esel im Aargau» im letzten Sommer mit Christian Bisang und Speedy war schlicht grossartig. Ich könnte jetzt noch unzählige weitere originelle Momente aus den letzten 23 Jahren aufzählen. Am tiefsten unter die Haut ging mir nicht ein einzelner Beitrag, sondern es waren immer wieder die Momente, in denen wir über Katastrophen oder Schicksale berichteten. Der Absturz von SR-111 in Halifax, der tödliche Erdrutsch von Gondo, der schlimme Herbst 2001 mit den Anschlägen in den USA, dem Attentat von Zug, dem Swissair-Grounding und dem verheerenden Gotthard-Tunnelbrand, der 4-fach-Mord von Rupperswil… das alles geht auch an einem Journalisten nicht spurlos vorbei. Aber auch – im positiven Sinn – Momente wie Interviews mit Slash oder Roger Federer, oder unsere jährliche Aktion «Wiehnacht für alli». Zum Heulen schön, wenn die grossherzigen Menschen im Argovialand ihnen unbekannte bedüftige Kinder beschenken.

Radio Argovia feiert in diesem Jahr seinen 30. Geburtstag – 23 Jahre davon hast du mitgeprägt und -erlebt. Wie hat sich die Radiowelt in dieser Zeit verändert?

Ziemlich radikal. Als ich im August 1997 Argovianer wurde, standen dem ganzen Redaktions-Team in Brugg insgesamt 2 (!) Textverarbeitungs-PCs zur Verfügung. Google? Wikipedia? Online-Portale für die Recherche? Denkste! Die Informationen tropften via Telex, Telefax und einer vorsteinzeitlichen E-Mail Box herein, und das Lexikon half über etwelche Bildungslücken hinweg. Die Moderatoren spielten ihre Lieblings-CDs (!!), und die Mini-Disc hatte als Aufnahmegerät soeben das Tonband abgelöst. Heute hat jeder Redaktor an seinem Platz einen PC oder Laptop, als Reporter kann ich Aufnahmen via Smartphone von irgendwo her in Sekundenschnelle ins Sendestudio schicken, die Recherche ist dank Internet um ein Vielfaches einfacher, und die Musik wird konsequent vom Musik-Chef programmiert. Nicht gross geändert hat sich das Wesen von «Radio». Ein spannendes und schnelles Medium, das die Hörer von Morgen früh bis Abend spät unterhält und mit den wichtigsten Informationen versorgt.

Zum Schluss die Alptraum-Frage, die nicht fehlen darf: Hattest du während einer Livesendung auch schon einen Durchhänger bzw. «Total-Ausfall», sprich komplett den Faden verloren?

Was für eine fiese Frage, Martin (lacht). Darf ich ganz einfach mit «ja» antworten? Nicht? Ok: Ja, natürlich hatte ich im letzten knappen Vierteljahrhundert schon viele Ausfälle und Pannen. Ich muss sie hier aber nicht aufzählen, weil diejenigen WB-Leser, die auch Radio Argovia hören, die meisten Blackouts direkt mitbekommen haben. Aber es ist doch schon irgendwie verständlich, wenn ich im Zusammenhang mit einem beigelegten Rechtsstreit um McDonald’s aus Versehen von einem «Happy Meal» spreche statt von einem «Happy End». Oder etwa nicht?

Interview: Martin Suter

Hier geht es zum siegbringenden Radio-Beitrag von Urs Lupi Hofstetter (Audio).


Medienpreis Aargau/Solothurn: Jedes Jahr werden im Kanton Aargau Medienpreise vergeben. Die 22. Verleihung des Medienpreises Aargau/Solothurn konnte aufgrund der Corona-Pandemie nicht vor Ort durchgeführt werden. Die Preise in den drei Kategorien Print, Foto und Radio mit einer Preissumme von insgesamt 9000 Franken werden den Gewinnern zu einem späteren Zeitpunkt persönlich überreicht. Erstmals vergeben wird auch der «Spezialpreis der Gottlieb und Hans Vogt-Stiftung für eine herausragende Recherche». Die Jury unter der Leitung von Jurypräsident Hans Schneeberger und den Fachjuryleitern Catherine Duttweiler (Print), Emanuel Freudiger (Foto), Marius Egger (Online), Jürgen Sahli (Radio) und Oliver Kuhn (TV) ermittelte aus über 100 eingereichten Beiträgen die jeweiligen Preisträger.

 

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