«Licht und Schatten gehören zum Leben»
19.10.2023 Beinwil am SeeEinmal im Monat bereichert eine seiner lichtdurchstrahlten und farbenfrohen Bildgeschichten das Wynentaler Blatt. «Improvisation und Intuition sind die Seele meiner Malerei. Aus dem persönlichen Erleben entstehen meine Bilder und die poetischen Erzählungen dazu. Die Natur ...
Einmal im Monat bereichert eine seiner lichtdurchstrahlten und farbenfrohen Bildgeschichten das Wynentaler Blatt. «Improvisation und Intuition sind die Seele meiner Malerei. Aus dem persönlichen Erleben entstehen meine Bilder und die poetischen Erzählungen dazu. Die Natur halte ich mit impressionistischer Freiheit in meiner Aquarellmalerei fest», strahlt Alberto Romer. Licht und Schatten sind dabei zentral, wie die Erkennung, auch Wiedererkennung, in seinem reich erfüllten Leben als erfolgreicher Unternehmer, dreifacher Familienvater und heutiger aktiver Pensionär.
Von René Fuchs
In Niederurnen, mit Blick in die Glarner Berge, ist Alberto Romer als jüngstes von drei Kindern 1940 geboren und in einer wohlbehüteten Familie aufgewachsen. Jeden Sonntag zog es seinen Vater, Leiter einer Telefonrelaisstation der PTT, mit den Kindern auf die nahen Bergspitzen. «Am liebsten blieb ich jeweils auf einer hohen Alp zurück und beobachtete die Natur», schwärmt Alberto. Besonders der Blick auf den in der Ferne schimmernden Zürichsee mit weissen Tupfen, den Segelschiffen, faszinierte ihn. Einmal an einem See zu wohnen und ein eigenes Boot zu steuern, wurde dort oben zu seinem ersten Lebensziel. Zurück im Keller des Elternhauses brachte er all die eingefangenen Käfer und Reptilien in seinen Terrarien, in seinem «Labor», unter. Unvergessen bleibt der Moment, als er auf dem Weg zum Kärpf rotes Plankton aus einem Bergsee fischte. Zuhause schimmerte es nur noch gelb und weiss. Der Forschergeist war geweckt. Umso mehr, als Professor Otto Jaag, Leiter der Eidgenössischen Anstalt für Wasserversorgung, Abwasserreinigung und Gewässerschutz, ihn an die EAWAG einlud, um ihm den Farbenwechsel zu erklären. Der wissbegierige und talentierte Knabe verbrachte die Primarschulzeit zusammen mit rund 50 Mitschülern in einem Schulzimmer. Da der Kanton Glarus noch keine Mittelschule führte, zügelte die Familie Romer 1954 nach Rapperswil. «Von dort aus pendelte ich an die Mittelschule Juventus in Zürich. Ich wollte Hydrobiologe werden», berichtet Alberto. Als 16-Jähriger baute er aus Occasionsmaterial sein erstes Segelschiff, «Quick», zusammen. «Hie und da suchte ich den Hafen um Mitternacht auf, um ganz allein die Ruhe, den Mondschein und den Zürichsee zu geniessen und die Silhouetten der Inseln Lützelau und Ufenau zu erspähen. Dabei begegnete ich dem fast gleichaltrigen Rapperswiler Gerold Späth, tauschte mit ihm Gedanken aus und wurde mir erst später bewusst, wer er war: einer der berühmtesten Schweizer Schriftsteller.»
Begegnung im Schauspielhaus
Im letzten Juventus-Schuljahr hatte Alberto für das Pflichtfach Deutsch zwei Tickets für Dürrenmatts Klassiker «Die Physiker» im Zürcher Schauspielhaus in der Tasche. Doch sein Schulfreund verpasste die Aufführung. Kurzentschlossen trat er zur langen Warteschlange vor der Abendkasse und bot den freien Platz einer bildhübschen unbekannten jungen Frau an. Bald danach sass sie neben ihm und drei Jahre später wurde Monika seine Frau.
Die 60er-Jahre waren in Zürich eine unruhige Zeit.Viele Jugendliche waren unzufrieden und rebellierten gegen die etablierten Werte der Gesellschaft. «Stundenlang diskutierten wir in den Lokalen «Odeon» und «Select» über eine neue Weltordnung», erinnert sich Romer. «Doch immer mehr setzte sich bei Monika und mir der Gedanke durch, nach Kanada auswandern. Zusammen mit verbundenen Freunden wollten wir eine kleine demokratische Gemeinschaft mitten in der Natur gründen, analog einer Tagwe im Glarnerland. Dafür brachen wir kurzentschlossen unsere Ausbildungen ab.»
Doch aus dem Traum wurde ein Fiasko. Die bisher verbundenen Freunde entschieden sich dann doch für einen anderen Lebensinhalt und stiegen aus. «Ohne Geld und Job standen wir mit unserem Sohn Benjamin, der 1961 auf die Welt gekommen war, da», erzählt Romer. Manche «Fresspakete» der Eltern halfen vorerst über die Runden, bis Professor Otto Jaag erneut ins Leben trat. «Dank ihm durfte ich an der ETH Zürich bei ihm und bei Prof. Albert Frey-Wyssling Vorlesungen in Botanik besuchen.Autodidaktisch konnte ich auch in der Mikroskopie und Chemie so viel lernen, dass ich eine Stelle als Laborant-Techniker beim Institut VAWE erhielt.» Die Auswanderungspläne erloschen dank dieser grosszügigen Unterstützung durch die beiden Professoren. 1963 erblickte Sohn Michael das Licht der Welt.
Die Petrografie, die Gesteinskunde, rückte nun mit den Arbeiten in der Versuchsanstalt für Wasser- und Erdbau VAWE in den Fokus. Ohne Lehre bestand Alberto Romer die Laborantenprüfung mit Bravour. 1964 folgte ein finanziell befreiender Schritt für die junge Familie. Bei der Firma Diasond AG in Zürich fand der junge Glarner ein neues Arbeitsfeld rund um Kunststoffe im Bauwesen. Die Aufträge in den Kunststoffanwendungen im Bauwesen wurden immer zahlreicher. Die anspruchsvollste Arbeit war die Abdichtung der Staumauer «Diga del Flumendosa» in Sardinien.
1966 gründete Romer im ausgeräumten Kuhstall eines Bauernhauses in Dürstelen, in der Nähe von Pfäffikon ZH, das Prüfungsinstitut LPM (Labor für Präparation und Methodik). Wohlverstanden in einem alten Gebäude ohne Zufahrt. In demselben Bauernhaus kam 1967 zur grossen Freude Tochter Muriel zur Welt. 1968 folgte der Eintrag der LPM ins Handelsregister. Die handwerkliche Unterstützung durch seinen Vater Fridolin, gelernter Feinmechaniker, und die Mitarbeit durch seine Frau Monika waren immens.
1970 suchte Romer für seine prosperierende Firma und seine fünfköpfige ein grösseres Zuhause an einem See. Dank eines Inserats wurde er in Beinwil am See an der Luzernerstrasse fündig. Innerhalb einer Woche wurde der Keller der ehemaligen Fabrikantenvilla zu einem Labor umgebaut. Das Bedürfnis, die Baustoffqualität und Dauerhaftigkeit einzelner Objekte prüfen und begutachten zu lassen, wuchs in der Schweiz stetig. So auch der Platzbedarf für die LPM AG und die Mitarbeiterzahl nahm stetig zu. 1980 wurde der LPM-Firmensitz in der Nähe auf separatem Terrain erstellt. Die von Romer entwickelte und angewandte Norm für frost-tausalzbeständigen Beton im Strassen-, Brückenund Tunnelbau fand auch in den USA beim United States Army Corps of Engineers und bei ASTM sowie in Norwegen und Dänemark grosse Anerkennung.
Und dann die verheerende Makula
Doch dann veränderte ein unverhoffter Schicksalsschlag das Familienleben. Monika erkrankte an Alzheimer und schied Jahre später aus dem Leben. Der Traum, mit 50 Jahren als Paar die Welt zu umsegeln, blieb unerfüllt. Auch die Hoffnung, in einer Bucht in Neuseeland den Rest des Lebens gemeinsam zu verbringen. Die Realität war für die Kinder und Alberto hart. «Vor 33 Jahren kam Evelin aus Deutschland zu mir und ein Jahr darauf heirateten wir», erzählt Alberto Romer. 1992 verkaufte er die LPM AG mit 30 Mitarbeitern an die Elektrowatt Ingenieurunternehmung Zürich und 1996 übernahmen langjährige Mitarbeiter die LPM AG (Labor Prüftechnik Materialtechnologie). Danach war Romer schweizweit als begehrter zertifizierter Gerichtsgutachter bei Bauschäden unterwegs und gründete die Firma Bausystem-Baustofftechnik. Doch erneut schlug das Schicksal zu: Auf einer Heimfahrt musste er sein Auto anhalten. «Ich sah fast nichts mehr. Eine verheerende Makula beider Augen war die Ursache», sagt der Beinwiler und ist froh, dass er seither mit der massiven Sehbehinderung gut durchs Leben kommt. Es grenzt an ein Wunder, dass er seit seiner Pensionierung 2008 mittels eines Bildschirmlesegeräts malen und lesen kann. Der grüne Heinrich, Gottfried Kellers Roman, Charles Dickens und zeitgenössische Werke von Martin R. Dean, Hermann Burger, Gerold Späth und Frederik Backman haben es ihm besonders angetan.
Grosse Freude hat er an seinen drei Kindern und am jeweiligen Wiedersehen mit seinen sechs Gross- und vier Urgrosskindern. Grossen Gefallen findet er an der Gründung und dem Betrieb der Firma «Aatest AG» in Lenzburg durch seine beiden Söhne Benjamin und Michael und die tägliche Nähe zu seiner Tochter Muriel in «Böju». Innerlich erfüllt lebt er mit seiner zweiten Frau Evelin und Hund und Katze in seinem gemütlich eingerichteten Beinwiler Daheim. Im Atelier hängen lichtdurchflutete Aquarellbilder an den Wänden und auf einem Korpus stehen in kleinen Töpfen all die Farben bereit. Auf dem Pult sind seine vier bisher erschienenen Bild-Geschichtsbände gestapelt. Ein Fundus von farbenfrohen Bildern und tiefsinnigen Begleittexten, die jeweils in 2 bis 3 Jahren entstanden sind. «Ich male aus reiner Freude. Bei meinem Mal-Blues höre ich klassische Musik von Beethoven und Mozart. Am liebsten Andante und Largo. Auch Stücke von Joan Baez, Bob Dylan, Joe Cocker bis zu Polo Hofer. Dazu rauche ich eine Pfeife und trinke ein Glas Wein. Und so kann es locker bis nach Mitternacht andauern», schmunzelt Alberto. Dass das Malen in der Natur durch die Seebehinderung unmöglich geworden ist, musste er akzeptieren. Doch dank seinem fotografischen Gedächtnis lässt sich heute so manches stimmungsvolle Naturbild realisieren. Eine Farbenpracht im Licht und Schatten, die jeden Betrachter in ihren Bann zieht - so wie das ausgefüllte Leben von Alberto Romer.



