Streiflicht

Do, 15. Jan. 2026

Postillon

Ich war etwa in der 3. Klasse, als ich die Frage «Willst du mit mir gehen?» auf einen Zettel kritzelte. Dazu die drei Antwortmöglichkeiten «Ja», «Sofort» und «Für immer». Den Zettel faltete ich dreimal, schrieb «Weitergeben an Beatrice» drauf und schickte ihn, von der Lehrerin unbemerkt, auf die Reise. Es war dies mein erster Brief, an den ich mich erinnern kann.

Wieso mir das gerade jetzt, 50 Jahre später, in den Sinn kommt? Weil vor ein paar Tagen eine Meldung in unserem Newsticker landete, wonach Dänemark per Ende 2025 die Briefpost abschaffte und sämtliche feuerwehrroten Briefkästen abmontierte. Seither werde ich immer an diese Meldung erinnert, wenn ich irgendwo einen typisch postgelben Briefkasten der Schweizer Post erblicke.

Die Briefpost abschaffen? Für mich als ehemaligen Postangestellten, der einst Nächte in schüttelnden Bahnpostwagen verbrachte, sämtliche Schweizer Postleitzahlen auswendig kannte und wohl Zehntausende Briefe von Hand in Sortiergestelle eingelegt hatte, ist so ein Gedanke ein Stich ins Herz. Kaum vorstellbar, dass so etwas auch bei uns in der Schweiz passieren könnte. Zu gerne zwacken uns Banken für jede noch so unnötige Zinsanzeige (Zinsgutschrift 0.05 Franken) die Portokosten von 1.50 Franken vom Guthaben ab. Zu gerne erinnert uns das Steueramt mit dem Versenden der Steuererklärungs-Unterlagen daran, dass man in den nächsten Monaten aufschiebt, was man schliesslich doch irgendwann erledigen muss. Und zu gross wäre die Gefahr, dass beim Wegfall der Möglichkeit, brieflich abzustimmen oder zu wählen, die Stimmbeteiligung vollends ins Bodenlose fallen würde. Abstimmen nur noch per App?

Aber mal ehrlich: Wann haben Sie selber letztmals einen Brief versendet? Wann haben Sie sich letztmals über einen Brief gefreut, der mit einer schönen Briefmarke frankiert wurde? Oder wie viele Postkarten-Feriengrüsse haben Sie im letzten Jahr von Ihren Verwandten und Bekannten zugesandt erhalten? Vielleicht ist es tatsächlich Zeit, sich mit dem Gedanken anzufreunden, dass es die Briefpost bald nicht mehr braucht.

Übrigens: Fragen Sie mich nicht, was aus der eingangs erwähnten Geschichte mit Beatrice geworden ist. Wahrscheinlich hat sie die Briefpost schon vor 50 Jahren abgeschafft. Jedenfalls habe ich nie eine Antwort erhalten.

Roland Marti

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