Lebenswege sind variantenreich, überraschend, herausfordernd, erfüllend und nicht immer planbar. Abzweigungen, Sackgassen, Marathonstrecken und Brückenschläge gehören ebenso dazu wie Erfolgswege und Zieleinläufe. In lockerer Folge berichten Persönlichkeiten von ihren Lebenswegen. Heute ist es Hans Schaub (81) aus Beinwil am See, ehemaliger Unternehmer und Buchautor.
In Waldenburg, im vielleicht kleinsten «Stedtli» Europas, ist Hans Schaub mit zwei jüngeren Geschwistern aufgewachsen. Im Faltenjura, südöstlich von Basel, verbrachte er eine angespannte Kindheit. Die Uhrenfirma Revue Thommen prägte den von Felsen eingeengten Ort. Als 6-Jähriger musste Hans wegen eines TB-Verdachts für ein Vierteljahr ins bündnerische Feldis in ein Kinderheim. Aufgewühlt kehrte der rothaarige und oft gehänselte Junge nach Hause zurück. Auch dort stand nicht alles zum Besten. Vater Fritz, gelernter Décolleteur, arbeitete in einer Werkzeugfabrik und Mutter Marie half durch Heimarbeit finanziell besser über die Runden zu kommen. Die Launenhaftigkeit des dominanten Vaters und die Traurigkeit der Mutter prägten den Familienalltag. Zu herausfordernd war für beide ihre Vorgeschichte mit einer Mussheirat.
René Fuchs
«Schon als Kind habe ich sehr viel gelesen», schwärmt Hans Schaub. Beststeller von Karl May und Jerry Cotton hatten es ihm besonders angetan. Umso mehr, wenn er im Taschenlampenlicht unter der Bettdecke den Abenteuergeschichten und Krimis folgen konnte. Geradezu magisch zogen ihn auch defekte alte Radioapparate an. Sie mit neuen Antennendrähten und Radioröhren wieder zum Leben zu erwecken, packte seinen Ehrgeiz. Die Mathematik, insbesondere die Algebra, und Geschichte gehörten zu den Lieblingsfächern des technikaffinen Jungen. Ein alter Bunker aus dem Ersten Weltkrieg auf dem Bergzug der Belchenflue prägte die Pfadizeit. «Fast jeden Mittwochnachmittag bauten wir ihn aus und richteten darin eine Küche und Schlafplätze ein», berichtet er lebhaft.
Sackgeld verdiente er während der Ferienzeit in der Werkzeugfabrik ESO, wo sein Vater arbeitete. «Eines Tages zitierte mich der Chef in sein Büro. Meine Knie zitterten», erzählt er. Dabei hätte das Gespräch nicht besser enden können. Der Beruf des Härtereifachmanns wurde in der Schweiz neu geschaffen und Hans sollte der erste Lehrling sein. Überrascht und geehrt sagte er zu.
«Die Welt öffnete sich für mich»
Doch zuerst galt sprachbedingt sein Interesse einem Welschlandjahr. Im Dorf Mies, im äussersten Südwesten der Waadt, nördlich der Stadt Genf arbeitete er als Porteur de pain. Ab fünf Uhr morgens trug er mit der Hutte auf dem Rücken auf einem Militärvelo die Brote aus. «Die Welt öffnete sich für mich», strahlt er. Wohl sei die Arbeit streng gewesen, doch erstmals sei er selbstständig auf eigenen Beinen gestanden. Einmal pro Woche gehörten auch Französischstunden bei Frau Pfarrer dazu.
1960 begann er die vierjährige Lehre zum Härtereifachmann in Oberdorf BL Neben der Berufsschule für Mechaniker in Liestal, genoss er sichtlich den Einzelunterricht mit einem erfahrenen Metallurgen in Olten. «Das war das Beste, was mir widerfahren konnte», lobt er seinen Praxislehrer. Zudem durfte er während der Lehre in verschiedenen Unternehmen Praktika absolvieren. Sei es in Lyss, wo er im besten Hotel untergebracht war, oder in Stuttgart in einer der modernsten Anlagen. Das von Professor Schuhmann geschriebene Grundlagenbuch «Metallographie» begleitete ihn dabei. Das Härten von Stahl wurde zu Schaubs Leidenschaft. Die Verbesserung der mechanischen Widerstandsfähigkeit durch gezielte Wärmebehandlung stand im Zentrum. Dass dabei viel Energie benötigt und darauf unvorteilhaft vernichtet wird, störte ihn. Der Gedanke, wenn ich mal selbstständig bin, nutze ich die Abwärme, drehte sich in seinem Kopf.
1964 beendete er schweizweit als Erster die Lehre zum Härtereifachmann. Monate zuvor hatte sich bereits der Personalchef der Maschinenfabrik Mikron in Biel bei ihm gemeldet. Er hätte grosses Interesse, ihn als Betriebsleiter der neuen Härterei anzustellen. Doch die Rekrutenschule stand nach dem Lehrabschluss bevor. «Sie können die Lehre früher beenden, die RS im Frühling absolvieren und haben die Gewähr, nicht weitermachen zu müssen», sagte ihm der angehende Chef eines Tages unumwunden. Das Netzwerk innerhalb der Milizarmee machte dies damals möglich.
«Am 1. Juni 1964 begann ich meine Arbeit in Nidau mit einem Monatslohn von 1400 Franken», schmunzelt Hans Schaub. Einem Werkmeister gleich durfte er auch als Assistent am Technikum im Bereich Wärmebehandlung von Stahl mitarbeiten. Drei Jahre darauf wechselte er nach Uster in eine kleine Härterei. «Es lockte mich, die veraltete Firma als Geschäftsführer zum Blühen zu bringen», erzählt er.
Selbständigkeit und Gemeinderat
1968 heiratete Hans Schaub. Dem Paar wurden kurz nacheinander zwei Mädchen und ein Knabe geschenkt. «Leider hatte ich zu viel Zeit in der Firma verbracht», zieht er heute Fazit. «Für die Kinder hatte ich so zu wenig Zeit». Wenigstens konnte er während den dreiwöchigen Betriebsferien der Firma einige Ferientage zusammen mit der Familie unbelastet geniessen. Doch Jahre später trennten sich die Wege des Paares.
Ein grosser Schritt war der Beginn der Selbstständigkeit 1970. Dank eines Darlehens des Volksmusikers Edi Bär konnte er seinen Wunsch umsetzen, mitten im Dorf Werrikon, nahe Uster, eine Werkzeughärterei unter seinem Namen aufzubauen. Der Erfolg überstieg seine Erwartungen. So, dass sich oftmals 16-Stunden-Tage aneinanderreihten und das Büro auch zum Übernachten diente. Die Werkstatt wurde zu klein, ein Neubau in Fällanden folgte. Das neubenannte «Wärmebehandlungszentrum Fällanden» fand immer mehr Kunden.
Von 1984 – 1990 war Hans Schaub im Gemeinderat Fällanden mit den Ressorts Bau und Planung und darauf als Sozialvorstand tätig. Als keines seiner Kinder seinen aufblühenden Betrieb übernehmen wollte, verkaufte er ihn 1995 an die Logotherm AG. Als nun angestellter Geschäftsführer am gleichen Ort durfte er weitere fünf Jahre bis zur Pensionierung wirken.
Auch privat gab es Veränderungen: 1999 heiratete er seine Frau Antoinette. 2001 zogen die beiden für ein Jahr nach San Diego CA in die zweitgrösste Stadt im Bundesstaat Kalifornien. «Neben dem Englischunterricht haben wir viele Freunde kennengelernt», zeigt sich Hans Schaub erfreut. «Doch nirgends ist es so schön wie in der Schweiz.» Mit der letzten Swissair-Maschine vor ihrem Grounding kehrten die beiden in die Schweiz zurück.
Innerlich wuchs der Wunsch, die beruflichen mannigfachen Erfahrungen als Unternehmer in einem Sachbuch festzuhalten. 2009 erschien das Werk «Nachfolgeplanung in KMU» im Haupt Verlag. Mit Fallbeispielen wie man es nicht machen sollte und wertvollen Tipps: Dazu gehören die Kosten mit einer sauberen Fakturierung im Griff zu haben, sich mit einem besonderen Produkt profilieren zu können und zu prüfen, mit wem man zusammenarbeitet.
Der eigene Lebensrucksack mit einer schwierigen Kindheit liess Hans Schaub darauf einen ersten Roman schreiben. Autobiografisch mit dem Titel «Schuldig geboren – Eine Familiensaga aus dem Jura». Offen und unverblümt erzählt er von tragischen Schicksalen, menschenverachtenden Ungerechtigkeiten, Behördenwillkür und (un)christlicher Selbstgefälligkeit. Ein Werk, das berührt und zum Nachdenken anregt. «Das gibt keinen Bestseller, sondern einen Longseller», sagte ihm ein Lektor. Und er behielt Recht.
Weitere fünf Romane und Krimis folgten. Etwa 2016 «Bigler und der Franzose», 2018 «Ein makabrer Fund im Paradies» und 2021 «Mein Vater kam aus dem Reagenzglas».
Lebenswege anschaulich, im Detail und packend zu schildern ist für Hans Schaub der innere Antrieb beim Schreiben. Als wäre es auch im Rückblick die Bewältigung seines nicht einfachen Lebensstarts.
Mit vier Enkelinnen in aller Welt und seiner kulturellen Begeisterung für die klassische Musik ist in seinem heutigen Leben für viel Abwechslung gesorgt. Auch halten die drei Hunde Pretty, Nepumuk und Venice ihn und seine Frau Antoinette auf Trab.
Auch der neuste, noch unveröffentlichte Roman «Wachkoma» gibt die wichtigste Lebensweisheit von Hans Schaub wieder: «Nur wer gegen den Strom schwimmt, findet die Quelle.»







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