Helfen und Hoffnung spenden

Di, 22. Aug. 2017

Stefanie Bertschi aus Dürrenäsch absolvierte 2015 ein Praktikum beim Schweizer Hilfswerk «Medair» in Zürich. Anfang Mai hat die heute 28-Jährige Menschen und Medair-Projekte im Libanon ein Woche lang hautnah miterlebt. Im WB berichtete sie von ihren Eindrücken.

Von Stefanie Bertschi

Ich bin zu Besuch in Zahle, einer Stadt im Bekaa-Tal im Libanon. Medair- Mitarbeiterin Amira steht neben mir und erklärt: «Die Not hier ist gross – auch wenn man sie nicht sofort sieht». Langsam kann ich ihr folgen. Jede vierte Person hier ist aus Syrien geflüchtet. Immer wieder sieht man Zelte – inVorgärten, auf Feldern, leeren Plätzen, in der Nähe von unfertigen Bauten. Die Gegensätze sind enorm: Bewässerungsanlagen in Gärten und auf den fruchtbaren Feldern… und nur ein paar Meter weiter syrische Flüchtlinge, die seit vier Jahren von rationiertem Wasser leben. Palastartige Häuser, die nach Brasilien ausgewanderten Libanesen als Feriendomizil dienen, neben Zeltsiedlungen, in denen Privatsphäre und Komfort Fremdwörter sind. Zu schnell ist man versucht zu kategorisieren in Arm und Reich, chancenlos und privilegiert. Doch das Leben im Libanon ist komplexer und humanitäre Hilfe zu leisten eine immense Herausforderung.

Kartierung und Koordination

«Medair» leistet weltweit Nothilfe und Wiederaufbau und deckt die Bereiche Gesundheit, sanitäre Anlagen/ Wasser und Unterkunft/Infrastruktur ab. Für die Arbeit im Bekaa-Tal ernten die Teams immer wieder positive und dankbare Echos. Auch von Organisationen wie dem UNHCR wird das Hilfswerk mit Hauptsitz nahe Lausanne als Partner sehr geschätzt. Viel beachtet ist das «Mapping-Projekt». Yara ist für diese sogenannte Kartierung zuständig, eine junge Informatikerin aus Zahle. Täglich besuchen sie und ihr Team bis zu 30 Flüchtlingssiedlungen, mit dem Ziel, Daten wie Siedlungsgrösse, Anzahl Personen pro Zelt oder Latrinen zu aktualisieren. Auf die Daten haben auch andere Hilfswerke Zugriff – eine riesige Erleichterung, die Hilfe untereinander zu koordinieren und in Notfällen früher und effizienter reagieren zu können. 90 der knapp 100 Mitarbeitenden im Libanon sind Landsleute, viele stammen selber aus dem Bekaa-Tal. Am Anfang hätte man ihr in ihrem persönlichen Umfeld oft vorgeworfen, dass sie sich für syrische Flüchtlinge engagiere, erzählt mir Amira, sie als Libanesen würden doch genauso unter der Krise leiden. Diese Spannungen zwischen den beiden Bevölkerungsgruppen nimmt «Medair» ernst. Wo immer möglich wird die Lokalbevölkerung miteinbezogen. Zum Beispiel im Gesundheitsprojekt.

Kliniken flott machen

In Zusammenarbeit mit der libanesischen Regierung ist Medair dabei, sieben Kliniken neu auszurüsten. Diese waren durch den rasanten Bevölkerungszuwachs seit Beginn der Syrienkrise völlig überlastet und überfordert. «Als Medair mit dem Gesundheitsprogramm begann, stand hier nur gut acht Stunden proWoche ein Arzt zur Verfügung », erklärt Arzt und Programmleiter Rafik. «Mittlerweile sind über 40 Stunden durch einen Arzt abgedeckt.» Schwerpunkte sind akute Erkrankungen sowie die Behandlung von Frauen und Kindern. Angeboten werden etwa kostenlose Impfungen, Schwangerschaftskontrollen und die Abgabe von Verhütungsmitteln – für Libanesen und Flüchtlinge.

Kinder, Kinder…

Mir fällt auf wie viele Kleinkinder in den Flüchtlingssiedlungen leben. Familienplanung ist ein sensibles und emotionales Thema – nicht nur, weil Verhütung aus kultureller Sicht für viele nicht in Frage kommt. Mit einem Neugeborenen leben die im Krieg umgekommenen Angehörigen in den Augen der Familie weiter, man schöpft wieder Hoffnung. Zudem gelten Kinder als Vorsorge für die Zukunft. «Medair» packt das Thema mit viel Respekt und Fingerspitzengefühl an. Bewährt haben sich hier sogenannte «community health volunteers». Das sind syrische Männer und Frauen, die selber aus der Flüchtlingsgemeinschaft stammen und von Verhütung/Familienplanung überzeugt sind.

…und Kondome

Eine von ihnen ist Lydia. Die 21-Jährige ist verheiratet, aber bewusst noch kinderlos. «Mein Mann und ich haben entschieden, dass ich zuerst mein Studium beende», meint sie. Regelmässig besucht sie für «Medair » die Flüchtlingssiedlungen und hält mit ihren Landsleuten Gesprächsrunden über diese Themen. Dass sie dafür kein Geld erhält, weil sie als Flüchtling im Libanon offiziell nicht arbeiten darf, scheint sie nicht zu stören. Engagiert diskutiert sie, versucht Lösungen zu finden: «Syrische Männer werden kaum in der Klinikapotheke Kondome holen, auch wenn «Medair » sie dort gratis abgibt. Das wäre für einen Mann mit zu grosser Scham verbunden.Also schlage ich ihnen vor, dass die Ehefrau die Kondome besorgt. Das wäre in unserer Kultur weniger schambehaftet.»

Hilfe für Handicapierte

Zurück im Medair-Büro in Zahle realisiere ich: Es ist die Mischung aus Professionalität, persönlicher Hingabe und der Fähigkeit, sich immer wieder selber zu reflektieren, die das Team hier auszeichnet. Die Männer und Frauen schaffen es, situativ angemessen zu handeln und nachhaltige Hilfe zu leisten. Nicht immer ist vorhersehbar, welche Lösungen in der lokalen und syrischen Gemeinschaft auch wirklich tragen. «Und man muss stets die Augen offenhalten, auch für Probleme, mit denen man nicht rechnet », ergänzt Leyla. Sie ist zuständig für die Projekte im Bereich Infrastruktur, der seit einiger Zeit auch Hilfe für körperlich eingeschränkte Menschen abdeckt. Mitarbeitenden war aufgefallen, dass das Alltagsleben in den Flüchtlingssiedlungen kaum überwindbare Barrieren enthält, Betroffene aber weitgehend auf sich alleine gestellt sind. So werden nun Wege zwischen Zelt und Latrine gepflastert. Dadurch können sich Menschen mit Gehproblemen sicherer bewegen. Es werden Toilettenstühle abgegeben für Personen im Rollstuhl, Handgriffe an den Zelten installiert und Betten erhöht, um das Aufstehen zu erleichtern. Kleine Verbesserungen, die auch das Leben der Angehörigen erleichtern. Man merkt: Nicht nur Probleme und Not prägen die Region und die Menschen. Sondern auch Ideen, Innovation und ganz viel Engagement, das jede Unterstützung lohnt.

Namen geändert, Infos: medair.org
Bilder: Stefanie Bertschi

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