Roger Bolliger forderte Heinz Frei heraus
17.07.2025 Suhren-/Rueder-/Uerkental, SchlossruedSein Ehrgeiz wurde belohnt. Der Para-Cyclist, Roger Bolliger, wollte unbedingt mit Heinz Frei auf das Velodrom in Grenchen, um zu beweisen, dass er schneller radeln kann als der bekannte Para-Sportler Heinz Frei. Roger Bolliger gewann nicht nur, er stellte auch einen neuen Stundenrekord ...
Sein Ehrgeiz wurde belohnt. Der Para-Cyclist, Roger Bolliger, wollte unbedingt mit Heinz Frei auf das Velodrom in Grenchen, um zu beweisen, dass er schneller radeln kann als der bekannte Para-Sportler Heinz Frei. Roger Bolliger gewann nicht nur, er stellte auch einen neuen Stundenrekord auf – als Abschluss einer aufregenden Para-Sport-Karriere.
(st/Eing.) Nicht den Kopf in den Sand gesteckt hatte Roger Bolliger, gebürtiger Schlossrueder, heute wohnhaft in Bottenwil, als im Oktober 2002 an seinem Arbeitsplatz in einer Käserei sein rechtes Bein einer zerborstenen Zentrifuge zum Opfer fiel. Nach Wochen im Spital und Monaten in der Reha fand der ehemals aktive Sportler zurück ins Leben. Bereits während seiner Rehaphase trainierte er regelmässig auf dem Veloergometer und brachte sich das einbeinige Velofahren bei. Seine Familie war glücklich über diese Entwicklung und stolz darauf, dass Roger nicht resignierte, sondern unverzagt weiter kämpfte, bis er sogar an der Spitze mithalten konnte. Er hielt stets an seinem Lebensmotto fest: «lefere statt lafere!»
Sein Talent fiel auf
Sein erstes Radrennen nach der Reha bestritt er 2004 in Gippingen, wo sein Talent vom Nationaltrainer entdeckt wurde. Gleichzeitig absolvierte er auch eine Lehre als technischer Kaufmann. 2007 bestritt er in Bordeaux seine erste Weltmeisterschaft. Die harte Konkurrenz motivierte ihn, sich an die Weltspitze heranzuarbeiten. Zu seinen Topresultaten zählen die Ränge fünf und acht an der Bahn WM 2014 im mexikanischen Aguascalientes oder die beiden Top 10 Ergebnisse an der Strassen WM in Greenville (USA). Sein bisheriges Karrierehighlight erlebte Roger Bolliger an den Paralympics in Rio 2016. An dieser Zusammenfassung lässt sich auch ablesen, dass Bolliger ein kompletter Radfahrer ist und sich sowohl auf der Strasse als auch auf der Bahn zu Hause fühlt. Im Gegensatz zum herkömmlichen Rennvelo wird auf der Bahn ein Rennrad mit Starrlauf und ohne Bremsen verwendet. In den Steilwandkurven profitieren die Fahrer zusätzlich von den Fliehkräften. Das Training im Winter auf der Bahn hilft auch für die anschliessende Strassensaison und umgekehrt. Diese Abwechslung in der Art des Radfahrens und des Trainings gefällt dem stets aufgestellten Athleten. Mit dem Stundenrekord von sagenhaften 41,845 Kilometern beschliesst Roger Bolliger seine langjährige Karriere im Spitzensport zu beenden – eine Karriere, die geprägt ist von unermüdlichem Einsatz, nationalen und internationalen Erfolgen und einem starken Willen nach vorne.
Invalide haben es doppelt schwer
Als erster paralympischer Sportler der Schweiz wurde er Sportsoldat, was sich nicht zuletzt auf seine Finanzen positiv auswirkte. Er konnte sich jährlich 100 WK-Tage anrechnen lassen. Mit einem um 20 Prozent reduzierten Arbeitspensum konnte er vermehrt Wettkämpfe und Trainingslager besuchen. Im Gegenzug repräsentierte er die Schweizer Armee auf verschiedene Art und stellte sich für Referate zur Verfügung.
Im Jahr 2021 nahm er an der Strassen-WM im portugiesischen Cascais teil und erreichte den neunten Rang, eine Top-Ten-Platzierung im Strassenrennen und den elften Platz im Zeitfahren. Die Saison 2022 startete er mit der Strassen-EM in Österreich. Dann nahm er an der WM in Kanada und in Paris an der Bahn-WM teil. Auch wenn er infolge seines Handicaps nicht mit der absoluten Spitze mithalten konnte, war er mit seinen Leistungen zufrieden.
2023 nahm Roger Bolliger an den ersten inklusiven Radsport Weltmeisterschaften in Schottland teil, sowohl auf der Bahn als auch auf der Strasse. Und auch nach über 15 Jahren im Para Cycling stand er stets mit Begeisterung und Ehrgeiz am Start. Durch seine jahrelange Erfahrung ist Roger Bolliger der Routinier im wachsenden Schweizer Para Cycling Team. Ausserdem ist er interessierter Beobachter der Schweizer Sportszene und unterstützt den Nachwuchs seines Veloclubs Pfaffnau Roggliswil als Leiter des Kids-Bikes.
Seine letzte Parforce-Leistung
Mit nunmehr 51 Jahren will Roger Bolliger seine Rennfahrerkarriere beenden, sich aber weiterhin um seinen Club, den VC Pfaffnau, kümmern.Aber ein Ziel hatte er noch. Er wollte sich dem Rollstuhlfahrer Heinz Frei auf dem Velodrom von Grenchen stellen. Heinz Frei willigte ein, und am 3. Juli startete Roger Bolliger zu diesem abenteuerlichen und kräfteraubenden Unternehmen. Die 250 Meter lange Rundbahn schaffte er in einer Stunde 167 Mal. Die schnellste Runde mit 41,845 km Kilometern wurde gleichzeitig neuer Schweizer Stundenrekord. Die Durchschnittsgeschwindigkeit betrug 41,166 km/h. Heinz Frei schaffte immerhin respektable 40,821 km. Der schnellste, nicht behinderte Sportler erreichte bisher auf dem Grenchner Velodrom 56,792 km.
Zwei Tage nach der Parforce-Leistung in Grenchen setzte sich Roger Bolliger auf sein Rennrad und unternahm mit seinen Kameraden vom VC Pfaffnau eine «kleine Velotour» um vier Seen: Bielersee-Neuenburgersee nach Yverdon, Murtensee, und als Abschluss noch schnell den Sempachersee. «Einfach eine entspannte Velofahrt», wie Roger meinte.




