Die wahren Retter des Lokaljournalismus

Di, 12. Dez. 2017

Vergangene Woche vermeldeten die beiden Medienhäuser «Aargauer Zeitung» und «Neue Zürcher Zeitung» den Zusammenschluss im Lokalbereich. AZ-Chefredaktor Patrick Müller verspricht sich davon nicht weniger als die Rettung des Lokaljournalismus. Eine Einschätzung.

 

Von Remo Conoci, Redaktor Wynentaler Blatt

«Vergangene Woche.» Schon der Anfang dieses Kommentars lässt den Online-Journalisten die Haare zu Berge stehen. Noch älter als die Zeitung von heute ist nämlich die Meldung von gestern. So funktionieren heute die «schnellen Medien»: seit Jahren findet ein Wettrennen um die exklusivsten News statt – aber nicht nur das: Die verschiedenen Portale berauben sich der eigenen Existenzgrundlage, indem sie einerseits ihr ursprüngliches Produkt langsam aber sicher aufgeben, nämlich die gedruckte Zeitung. Und andererseits den fundierten Journalismus und den reflektierten Kommentar grossenteils abgeschafft haben. Alles muss noch schneller gehen, noch oberflächlicher, «online first». Es ist völlig egal, ob ein Fehler passiert, Hauptsache man war schneller.

Kleines Beispiel gefällig?

Vergangene Woche (schon wieder) startete eine der zuvor genannten Titel eine Umfrage: 57 Prozent der Befragten sagten, der Fussballtrainer soll bleiben. 19 Prozent wollten, dass er geht. 24 Prozent war das egal. Die Online- Redaktion interpretierte das folgendermassen: «Über die Hälfte hält einen Trainerwechsel für nötig». Hoppla. Zwei Stunden später war die Fake- News zwar korrigiert – der zugegebenermassen kleine Schaden aber angerichtet.

Natürlich funktioniert die Informationsbeschaffung heute ganz anders als noch vor zehn Jahren. Die technische Revolution zwingt die Medienhäuser ja auch zur Anpassung. Was jahrelang mit dem «Bedürfnis des Lesers» begründet wurde, hat bis heute ein Biest erschaffen, das nicht mehr unter Kontrolle gebracht werden kann. Liefert die 20minuten-App beim nächsten Besuch im stillen Örtchen keine neuen News, fühlen wir uns gelangweilt. Genau so verhält es sich bei Zeitungen: «Kam ja gestern schon online; alle wollen, dass der Trainer geht.»

Nun soll also ein «Joint Venture» den Lokaljournalismus retten. Manche übersetzten den Begriff mit «Fusion », andere mit «Sparrunde und Stellenabbau ». Wörtlich bedeutet es ein «gemeinsames Wagnis». Das wäre wirklich gut, wenn das Wagnis ein Gemeinsames wäre und sogar zum Erfolg führen würde.Was aber, wenn das nur ein Zwischenschritt ist? Was passiert, wenn niemand mehr eine echte Zeitung abonnieren will? Und man stelle sich vor, «No Billag» würde angenommen und die schwärzesten Szenarien würden sich bewahrheiten! Alles in allem würde das heissen:Kein «Streiflicht» mehr, kein Regionaljournal, kein «Schweiz aktuell». und schon gar kein «Teleguard». Nur eine Handvoll Titel, Einheitsbrei, gesteuert aus dem gleichen Zürcher Büro.

Sie meinen das sei Schwarzmalerei? Schon möglich. Bis es soweit ist, kann es gut und gerne noch zehn Jahre dauern. Machen wir den Zeitsprung in die entgegengesetzte Richtung, stehen wir im Jahr 2007.Damals nutzten rund 80 Prozent der 14- bis 54-Jährigen das Internet. Heute sind es laut Bundesamt für Statistik 96 bis 99 Prozent, der Sättigungsgrad sei damit erreicht. Ein Zurück gibt es demnach nicht mehr, aber es gibt noch andere Retter, man kann auch sagen: die wahren Retter»

Die einzigen, die den Lokaljournalismus retten können sind Sie, liebe Leserin und lieber Leser.

Sie entscheiden darüber, welche Medien-Angebote es künftig geben wird. Sie werden zwar nur einmal aufgefordert «Ja» oder «Nein» zu stimmen, wie nächstes Jahr bei der «No Billag»-Initiative. In fast allen anderen Fällen hängt es von Ihrem Konsumverhalten ab. Nur wenn lokal eingekauft wird, bleibt das Lokale erhalten. Das gilt für die Bücherei, die Metzgerei, die Stammbeiz, den Beck, den Immobilienverkäufer, den Gärtner, die Post und für das Abonnement des Wynentaler Blattes. Vergessen Sie Joint Ventures. Ohne Sie, liebe Leserinnen und Leser, gäbe es das alles nicht mehr. Der Dank gehört also Ihnen, für Ihre Unterstützung bei der Rettung des lokalen Gewerbes und des lokalen Journalismus.

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